Dienstag, 21. Juli 2026

Das seltsame Flüstern Im Garten

Die Dorfbewohner mieden das undurchdringliche Waldgebiet hinter dem See schon seit Jahrzehnten. Doch für Nicklas, der die Stille am Abend und in der Nacht liebte, hatte der verlassene, völlig verwilderte Waldgarten hinter den rostigen Gitterstäben eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Wald unterging oder oftmals auch spät in der Nacht, machte er sich mit Stella, seiner Labradorhündin, auf den Weg hierher.


Es war kurz nach Mitternacht, als er das Anwesen erreichte. Ein dichter, fast klebriger Nebel kroch über den Boden und verschlang seine Schritte. Kaum hatte Nicklas den Fuß auf den weichen, moosigen Boden gesetzt, veränderte sich die Atmosphäre. Die Luft war kalt und roch intensiv nach feuchter Erde und süßlichem Verfall. Die mächtigen, uralten Bäume und dicht wachsenden Efeubüsche schienen ein Eigenleben zu führen. Die Äste der Bäume schienen wie erstarrt – denn es wehte kein Lüftchen –, sie streckten sich gezielt nach Nicklas aus.
Plötzlich hielt Nicklas den Atem an. Aus dem Dickicht zwischen einer knorrigen Eiche und einer Wand aus wildem Wein drangen Stimmen. Es war kein normales Sprechen, sondern ein heiseres, rhythmisches Zischeln: „Ist er das? Ist er der Neue?“ „Nein, zu alt. Zu unbeweglich. Aber er hat die Neugierde im Blick...“. „Warten wir. Der Garten vergisst niemanden.“


Nicklas starrte in die Dunkelheit. Zwischen den Blättern glaubte er, schemenhafte, spindeldürre Gestalten zu erkennen. Sie bestanden fast nur aus Schatten, ihre Augen waren zwei glimmende Punkte im fahlen Mondlicht. Sie bewegten sich lautlos, fast schwebend, und verschmolzen im nächsten Augenblick wieder mit den Mustern der Rinde. Getrieben von einer Mischung aus nackter Angst und morbider Faszination stolperte Nicklas tiefer in das Labyrinth. Am Ende eines zugewachsenen Pfades stieß er auf die Lichtung. Dort stand ein kleines, windschiefes Gartenhaus aus dunklem, morschem Holz. Die Fensterscheiben waren längst blind vor Dreck und Spinnweben, die Tür hing schief in den eisernen Angeln. Drinnen brannte schwaches Licht, in dem Umrisse von Schatten umherhuschten. Aus dem Inneren des Häuschens drang ein unheimlicher Laut. Es war kein Windzug. Es klang wie das langsame, rhythmische Scharren von Fingernägeln auf trockenem Holz, gefolgt von einem dumpfen, nassen Poltern. Kratz... Kratz... Klopf.
Plötzlich drückte sich von innen etwas gegen das staubige Fenster. Eine blasse, fleckige Hand mit viel zu langen Fingern glitt an der Scheibe herunter und hinterließ eine Spur im dicken Staub. Ein Schwall von eiskalter, modriger Luft schlug Nicklas entgegen, als sich die verzogene Holztür des Häuschens mit einem quälend langen Quietschen ein Stück weiter von selbst öffnete. Das Kratzen im Inneren des Hauses wurde schneller, hektischer. Gleichzeitig schienen die flüsternden Gestalten aus den Büschen näher zu kommen. Das Zischeln schwoll an, bis es Nicklas direkt im Nacken zu sitzen schien: „Komm doch... Es ist Zeit... Komm doch...“

Als eine Hand nach seiner Schulter zu greifen schien, riss sich Nicklas aus seiner Starre. Er wirbelte herum und rannte los. Die Dornen der Rosenbüsche rissen an seiner Kleidung, die Äste der Bäume schlugen nach seinem Gesicht, als wollten sie ihn festhalten. Er keuchte und stolperte. Plötzlich spürte er etwas Feuchtes, in seinem Gesicht. Etwas Haariges streifte seine Wange. Mit letzter Kraft wollte er dieses feuchte, haarige Etwas aus seinem Gesicht wischen. Doch er konnte sich nicht bewegen. Völlig außer Atem dreht er sich um und reißt die Augen auf.


Es war Stella, die ihn so unsanft aus seinem Albtraum erlöst hatte. Es war vollkommen still. Kein Flüstern, kein Kratzen. Nur Stella, die ihn aus treuen Hundeaugen anschaute, und Melinda, seine Frau, die ihn an der Schulter rüttelte, waren da. Beide beugten sich über ihn, Melinda lachte: „Komm doch, steh endlich auf, du Langschläfer, komm.“ Sie gab ihm noch einen Schubs. „Es ist Zeit.“ Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, rieb Nicklas sich die Augen und erhob sich aus dem Bett. Aus der Küche nahm er den Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee wahr und freute sich auf die erste, heiße Tasse. 

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Wenn Wahres Traum ist, kann der Traum das Wahre sein.

Johann Wolfgang von Goethe  (* 1749 ; † 1832)
war ein deutscher Dichter und Naturforscher. 

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