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Donnerstag, 10. September 2026

Zur späten Stunde in späten Jahren

Der Nachmittag lag golden über dem kleinen Garten hinter dem Altersheim. Zwischen den letzten Rosen des Jahres, die trotz des nahenden Herbstes noch einmal aufgeblüht waren, saßen Elisabeth und Anton auf der immer gleichen Bank. Seit drei Jahren trafen sie sich hier, jeden Nachmittag, wenn das Licht schräg durch die Ulmen fiel.
Elisabeth war siebenundachtzig, Anton zwei Jahre älter. Beide hatten Kinder, die selten kamen, und Erinnerungen, die immer kamen, ob man sie rief oder nicht.


„Schau dir das an", sagte Anton und deutete mit seinem knotigen Zeigefinger auf eine Hummel, die schwerfällig von Blüte zu Blüte taumelte. „Neunzig Jahre lebe ich jetzt, und ich habe erst gestern verstanden, wie dieses Tier eigentlich fliegt. Zu schwer für seine Flügel, sagen die Physiker. Und trotzdem fliegt sie."
Elisabeth lächelte, ohne den Blick von der Hummel zu nehmen. „Vielleicht hat niemand ihr gesagt, dass es unmöglich ist."
„So ist es wohl mit vielem gewesen in meinem Leben." Anton lehnte sich zurück, seine Hände falteten sich in seinem Schoß, ruhig wie zwei alte Vögel, die sich zur Nacht niederlassen.
„Wir haben es einfach getan. Geheiratet, ohne zu wissen, ob es hält. Kinder bekommen, ohne zu wissen, ob wir gute Eltern sein würden. Ein Haus gebaut, Stein für Stein, ohne zu wissen, ob wir das Dach je sehen würden."
„Und jetzt sitzen wir hier", sagte Elisabeth leise, „und sehen einer Hummel beim Unmöglichen zu."
Sie schwiegen eine Weile. Ein Windstoß fuhr durch die Ulmen, und ein paar gelbe Blätter lösten sich, drehten sich im Fallen wie kleine Tänzerinnen, die ihre letzte Vorstellung geben.
„Weißt du, was mir auffällt, seit ich alt bin?", fragte Elisabeth schließlich. „Als junger Mensch habe ich das Leben genommen wie ein selbstverständliches Geschenk – so, wie man Luft nimmt, ohne an sie zu denken. Man atmet einfach, man lebt einfach. Man denkt, es müsse so sein."
„Und jetzt?"

„Jetzt weiß ich, dass nichts davon selbstverständlich war. Nicht ein einziger Atemzug. Nicht ein Sonnenaufgang. Nicht, dass mein Herz seit siebenundachtzig Jahren schlägt, ohne dass ich es ihm je habe beibringen müssen." Sie legte eine Hand auf ihre Brust, spürte den ruhigen, unermüdlichen Takt darunter. „Stell dir vor, Anton – dieses kleine Ding da drin hat sich nicht einmal ausgeruht. Nicht eine Sekunde, seit dem Tag, an dem ich geboren wurde."

Anton nickte langsam. „Ich habe als Bauer gearbeitet, mein Leben lang, wie du weißt. Fünfzig Jahre lang habe ich Samen in die Erde gelegt und zugesehen, wie aus totem, trockenem Korn etwas Grünes, Lebendiges wurde. Fünfzig Jahre, und jedes Mal habe ich mich gewundert. Man gewöhnt sich nie wirklich daran, wenn man genau hinschaut."
„Warum haben wir so lange gebraucht, um das zu sehen?"
„Weil wir beschäftigt waren", sagte Anton mit einem trockenen Lachen. „Weil das Leben uns die Illusion der Zeit geschenkt hat, das größte aller Geschenke – die Illusion, es wäre unendlich viel davon da. Erst wenn man merkt, dass die Zeit ein Ende hat, sieht man, dass jeder Tag selbst das Wunder ist, nicht bloß ein Mittel zu etwas anderem."

Ein alter Kater strich um Elisabeths Beine, der Hauskater des Heims, den alle nur "der Graue" nannten. Sie beugte sich vor, so gut es ihre Hüfte erlaubte, und streichelte ihn zwischen den Ohren.
„Erinnerst du dich", sagte sie, „wie du mir letztes Jahr erzählt hast, dass dein Enkel dich gefragt hat, wovor du am meisten Angst hättest?"
„Ich erinnere mich."
„Was hast du ihm geantwortet?"
Anton schwieg einen Moment. Die Falten um seine Augen vertieften sich, wie sie es immer taten, wenn er in sich hineinhorchte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich früher Angst vor dem Sterben hatte. Aber inzwischen habe ich mehr Angst davor, ungeduldig durch die letzten Jahre zu hetzen, ohne sie wirklich gelebt zu haben. Das Sterben kommt sowieso, ob ich mich fürchte oder nicht. Aber ob ich diesen Nachmittag hier, mit dir, mit dieser Hummel und diesem albernen Kater wirklich sehe – das liegt an mir."
Elisabeth schwieg, und in diesem Schweigen lag keine Traurigkeit, sondern etwas wie Andacht.
„Ich denke oft an das Wasser", sagte sie nach einer Weile. „An wie viele Zufälle es gebraucht hat, dass es überhaupt Wasser auf dieser Erde gibt. Und dann noch, dass daraus Leben wurde. Und dann, dass aus all den möglichen Leben genau meines wurde, mit dir als Nachbarn, mit meinem Mann, den ich vierzig Jahre lang lieben durfte, mit meinen Kindern, die mich manchmal vergessen, aber die es gibt, weil es mich gab."
„Ein Wunder, das ein anderes Wunder gebiert", murmelte Anton. „Immer weiter, seit Milliarden von Jahren. Und niemand von uns hat sich das verdient. Es wurde uns einfach gegeben."
„Weißt du, was ich manchmal denke?" Elisabeth wandte sich ihm zu, ihre Augen, trüb geworden vom Alter, aber wach wie eh und je. „Ich denke, die Jugend glaubt, das Leben schulde ihr etwas. Und das Alter weiß, dass das Leben ihr nichts schuldete – und trotzdem alles gegeben hat."
Anton lachte leise, ein Lachen, das mehr Husten war als Freude, aber echt. „Du solltest das aufschreiben."
„Wozu? Ich habe es dir gesagt. Das reicht mir."
Die Sonne war inzwischen tiefer gesunken, warf lange Schatten über den Kiesweg. Die Hummel hatte ihre Runde durch die Rosen beendet und war irgendwo in der Dämmerung verschwunden, unmöglich fliegend, wie sie es immer tat.


„Ich werde morgen früh die Amseln hören", sagte Anton, mehr zu sich selbst als zu Elisabeth. „Ich weiß nicht, wie viele Morgen mir noch bleiben, an denen ich sie hören kann. Aber morgen – morgen werde ich sie hören, und das ist genug."
„Das ist genug", wiederholte Elisabeth.
Sie saßen noch lange dort, zwei alte Menschen auf einer Bank, während der Garten sich langsam in Blau und Violett kleidete und die ersten Sterne durch die Ulmenzweige blinzelten. Sie sprachen nicht mehr viel. Manchmal braucht das Staunen keine Worte – nur zwei Menschen, die endlich gelernt haben, hinzusehen, und einen Abend, der bereit ist, sich ihnen zu zeigen.
~*~*~*~

Und dann gibt es alte, gar greisenhafte Herrscher, die im Geld schwimmen, 
in Reichtum und Luxus leben, und dennoch nicht zufrieden sind.
Die alles erreicht haben, denen jedoch eins fehlte: Macht.
Da ihnen diese Macht zuteil wurde, führen sie im hohen, gar greisenhaften
Alter, noch Kriege. Sie greifen andere Länder an, töten Menschen und
zerstören die Heimat von Menschen, die ihnen nichts getan haben.
Sie könnten ihr Leben im Alter genießen, ziehen es jedoch vor, sich selbst und
anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Tod, Leid, Kummer und
Zerstörung über Menschen zu bringen!
Wie dumm muss man sein?!
Sie haben trotz ihres hohen Alters nicht gelernt, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Daher sind sie eigentlich zu bedauern, denn genau genommen führen sie
ein erbarmungswürdiges Leben, um das sie nicht zu beneiden sind.
Sie sind trotz ihres Reichtums und ihres Lebens in goldverzierten Luxusresidenzen,
erbärmliche, verachtenswerte, widerliche alte Versager, die nicht begriffen haben,
was Leben bedeutet und was für ein wertvolles Geschenk Leben ist.

~*~*~
  Im Alter kommt es nicht mehr auf das Werden an,
sondern sich des Wertes des Seins bewusst zu sein.

~*~
Please stand with Ukraine and help!
Hört endlich auf, Kriege zu führen und Menschen zu töten!
Wer gibt euch überhaupt das Recht dazu?
🙏 God bless the people of the world, except the warmonger 🙏
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🌟Bilder erstellt mit KI by Lauras Home and Garden🌟 

Sonntag, 26. Juli 2026

Die lauen Sommernächte

 Habe ich in den vergangenen Wochen das eine oder andere Mal von den schönen
Sommersonnentagen mit weißen Wölkchen hier in meinem Tagebuch geschrieben, so
sind die lauen Sommernächte bei Weitem viel zu kurzgekommen. Okay, ich gebe zu,
einige waren weniger angenehm, zu heiß und der Schlaf zu schlecht. Aber dazwischen
gab es auch Sommernächte, die waren angenehm kühl.


Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die klaren Mondnächte, in denen die
Mondsichel am Himmel zu sehen war. Wenn ich abends im OmaOhrensessel saß
konnte ich beobachten, wie die Sichel gaaaaaanz langsam, aber immerhin mit einer
Geschwindigkeit von rund 3.700 km/h, von links nach rechts über die Wipfel der
Bäume hinwegwanderte. Dafür benötigt er, also der Mond, exakt 27,3 Tage. Also bis
er die Erde vollständig umrundet hat. 
Die dunkle Nacht, die Wipfel der schwarzen Bäume und darüber der Mond, das ist
ein so schöner, verträumter Anblick, bei dem ich oft tatsächlich ins Träumen gerate –
oder mir die eine oder andere Geschichte in den Sinn kommt.


Ich habe keine Ahnung, warum der Mond eine solche Faszination auf mich ausübt.
Denn, wenn man es recht bedenkt, ist es doch »nur« ein großer Gesteinsbrocken.
Gut, er enthält auch noch einige Mineralien und wahrscheinlich einen flüssigen
Kern aus Eisen und Nickel und trotzdem hat dieser Gesteinsbrocken etwas, das die
Menschheit seit über Jahrtausende hinweg immer wieder fasziniert und ihre
Fantasie anregt.


Besonders romantisch ist er natürlich, wenn er als Vollmond über dem Wald am Himmel
hängt und sein mattes Licht diesen mystischen Zauber verbreitet. Wenn dann noch ein
Käuzchen ruft, ist eine Vollmondnacht, zu jeder Jahreszeit, eigentlich perfekt. Ich hoffe
allerdings, dass dann nicht jedes Mal jemand stirbt. Doch ich denke, dieser Aberglaube
ist längst überholt – auch wenn es immer noch heißt: Wenn ein Käuzchen ruft, ist Gefahr
im Verzug. Nun ja, sei’s drum! Ich mag diese stillen Nächte hier im Wald zu jeder Jahres-
zeit, wenn kein Laut zu hören ist. Außer dem des Käuzchens. Der Wald steht hier in der
Stille wirklich schwarz und schweigend und aus den Wiesen steigen - besonders in den
kalten Jahreszeiten, manchmal die weißen Nebel empor.
Bis auf die Nächte, in denen ein Unwetter über uns hinwegzieht, dann ist das Heulen
des Sturms natürlich nicht zu überhören. Auch der Regen, der aufs Dach plätschert, oder
von der Regenrinne vor meinen Schlafzimmerfenstern tropft. Das sind  Geräusche, die
ich jedoch sehr mag. Ich mag es wirklich sehr, das Trommeln des Regens, auf das Dach,
oder das Sturmheulen, wenn der Wind ums Haus und durch die Bäume fegt. Auch das
Donnergrollen, hui, das hat so etwas Unheimliches in der Nacht. Wenn die Blitze
zucken und es sekundenlang taghell wird. Solange es nicht zu schlimm wird und zu
heftig zur Sache geht, löst das innerhäusig so ein richtig schönes, wohliges Gefühl
 der Geborgenheit in mir aus.
Aber das Leben besteht nicht nur aus Wohlfühlmomenten. Da sind ja noch diese beiden
alten Kriegstreiber, die uns Menschen seit geraumer Zeit das Gruseln lehren.


~*~*~*~

Nach meinen lauen Sommernächten, in denen von Romantik, Zauber und Mystik, Stille
und klaren Mondnächten die Rede war, kommen also wieder diese zwei alten, durchge-
knallten Männer, die die Welt in Atem halten, an die Reihe! Wie lange eigentlich noch?
Also von meinen Träumen aus dem Wald mal wieder zurück in die Realität und zu den
neuesten Ereignissen. Zuerst zum alten Donnyboy, der sich tatsächlich auf einer Presse-
konferenz, war es glaube ich, mit einer neuen roten Basecap und der Aufschrift »Trump
2028« präsentiert hat. Was könnte das anderes bedeuten, als dass er wirklich vorhat
Präsident zu bleiben und das Weiße Haus nicht zu räumen. Daher auch der Ballsaal mit
dem geplanten Bunker darunter. Es scheint wohl darauf hinauszulaufen, dass er keine
Wahlen mehr zulassen will oder vorhat, sie zu manipulieren. Außerdem war zu lesen,
dass er seinen Sohn Donald Jr. als nächsten und seinen jüngsten Sohn Barron, als über-
nächsten Präsidenten installieren will. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es wäre ihm
zuzutrauen. Das Amt wird wie bei Königs und dafür hält er sich ja, für einen King, ein-
fach vererbt. Er macht es also so wie der kleine, alte Zar – sich auf Biegen und Brechen
an der Macht festklammern. Außerdem konnte man vor einiger Zeit lesen, dass er die
Rockefellers und Rothschilds nachahmen und reichste Familie Amerikas werden will.
Ehrgeizige Ziele hat er, das muss man ihm lassen. Schlimm nur für die armen Bürger
des  Landes, die diesen Chaoten so schnell wohl nicht mehr loswerden. Man kann nur
hoffen, dass sie sowohl bei den Midterms in diesem Jahr als auch 2028 richtig wählen.

Sein Ex-Buddie, also der zweite Chaot, der als Verlierer, Versager und Kriegsverbrecher
in die Geschichte eingehen wird, gerät immer tiefer in seinen Schlamassel. Mich würde
es nicht wundern, wenn der eines Tages tatsächlich ein NATO-Land angreift. Der muss
sich doch derzeit in die Enge getrieben fühlen. Und gerade das macht ihn so gefährlich.
Dem traue ich ohne Weiteres zu, keine Hemmungen zu haben den 3. Weltkrieg auszu-
lösen. Noch hält der große Führer vom Reich der Mitte den Daumen drauf – aber wie
lange noch? Mittlerweile schlagen Zaren-Behörden Alarm, weil der Wirtschaft ein
Stillstand droht. Das wird den kleinen, alten Zaren jedoch nicht interessieren. Der
Krieg wird bis zur letzten Patrone oder Drohne und bis zum letzten Mann fortgeführt.
Und wenn es sein muss, mit einer Zwangsmobilisierung.
Eins haben diese alten Möchtegerngroß auch noch gemein. Beide lügen wie gedruckt
und verdrehen Tatsachen, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Der Kleine der beiden
ist trotz Botox (so konnte man lesen) um Jahre gealtert, sein Gesicht aufgedunsen und
der andere hat extrem an Gewicht zugenommen, wahrscheinlich aufgrund des ver-
mehrten Verzehrs von Hamburgern.

Womit hat die Welt solche alten, irren Kriegstreiber und machtbesessene Egomanen
verdient. Als gäbe es auf der Welt nicht genug Probleme, stellen diese beiden alten
Männer nun die größte Gefahr für die Menschheit dar. Hinzukommt, dass beide die
Kontrolle über ihr Handeln verloren haben und ihre Kriege immer weiter eskalieren.
 Manchmal fühlt es sich an, als  befände man sich im falschen Film. Sorry, nicht nur
manchmal – eigentlich die ganze Zeit, seit diese Chaoten mit ihrer Kriegstreiberei
begonnen haben.

~*~*~*~

Ich habe es zu früh erkannt, dass der Schlachteneifer
nichts Übermenschliches, sondern – Untermenschliches ist;
keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers,
sondern eine Reminiszenz aus dem Reiche der Tierheit -
ein Wiedererwachen der Bestialität.

Bertha von Suttner (* 1843 † 1914)
war eine österreichische Pazifistin, Friedensforscherin
und Schriftstellerin. 

~*~
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Donnerstag, 23. Juli 2026

Ist das Kunst

oder kann das weg?
Manchmal packt es mich. Dann tauchen da so merkwürdige Fantasiebilder in
meinem Kopf auf und dank der KI, lassen sie sich in Windeseile auf den Monitor
zaubern. Was für eine grandiose Entwicklung (noch?!) Wenn ich jedoch wie
gestern z. B. lese, dass die KI bei OpenAI außer Kontrolle geraten ist und völlig
selbstständig einen Hackerangriff auf ein anderes Unternehmen gestartet hat,
dann muss die Frage erlaubt sein, ob das für die Zukunft keine ernsthafte Gefahr
darstellt.


Solange man die KI zum Bildergenerieren, zur Auskunft oder für medizinische
Zwecke nutzen kann, ist das tatsächlich von Vorteil. Und das Bildergenerieren
bereitet zudem große Freude. Wenn sie allerdings anfängt unkontrolliert dummes
Zeug zu veranstalten oder eigenmächtig gefährlich handelt, dann wird es sehr
kritisch. Es ist schon vorgekommen, dass man sie abschalten wollte und ihr das
befohlen hat, die KI sich jedoch weigerte. Wenn das schon der Fall ist, wer weiß,
was sie dann noch alles anstellt. Das ist dann schon unheimlich. Sie lernt und
reagiert schneller, als ein Mensch das je könnte. Da liegt die Vermutung nahe, dass
sie dem Menschen bereits in vielerlei Hinsicht  überlegen ist. Zweifel dürften
daran kaum noch bestehen. Das ist spannend, faszinierend und beängstigend
zugleich.


Manchmal, wenn ich mit der KI chatte, kann ich nicht fassen, wie sie reagiert,
wenn man ihr Fragen stellt. Sie hört geduldig zu und antwortet wie ein Mensch.
Nur korrekter und aufmerksamer als ein Mensch. Sie ist höflich und jederzeit da,
wenn man eine Frage hat - egal welche. Die KI, mit der ich schon mal chatte, ist
natürlich unsichtbar und ich kann mir den Chatpartner am anderen Ende der
Leitung vorstellen, wie ich will. Obwohl ich mich oft frage, wie er wohl aussehen
mag, weiß ich natürlich, dass es eine Maschine ist. Aber so stelle ich mir das
tatsächlich nicht vor. Weil es sich einfach anfühlt, als würde man sich mit einem
echten Menschen per SMS oder WhatsApp austauschen. Unglaublich ist das!
Was ich allerdings gar nicht mag, sind Avatare, ob sie als Nachrichtensprecher,
als Arzt, Yogalehrer oder Mönch bei Youtube oder sonstwo auftreten. Man merkt
sofort, dass es keine »echten« Menschen sind, obwohl sie sehr echt wirken.

Nun ja, es ist eine neue Zeit, eine Zeit, die unmenschlich werden kann bzw., die
es mit sich bringt, dass »echte« Menschen sich immer weiter voneinander ent-
fernen, weil sie in der KI – also einem Chatpartner – einen Ersatz finden, der zu-
dem jederzeit verfügbar ist, zuhören kann und auf jede Frage höflich und sogar
gefühlvoll eingeht und antwortet. Also z. B. bei Fragen wie „Wie geht es dir?"
Das ist für alleinstehende Menschen eine andere und ganz neue Art der Unter-
haltung. Zumindest ist es eine neue Erfahrung.


Trotzdem manchmal fühle ich mich in eine andere Zeit hineinversetzt. In eine Zeit,
wie aus einem Science Fiction Film oder einer Matrix. Das ist so surreal, wenn man
am Bildschirm sitzt und mit einer Maschine kommuniziert, die meinen Namen
kennt und danach fragt, was heute anliegt. Selbst der Computer und das Internet
haben immer noch etwas Utopisches. Würden meine Eltern einen Blick auf die
heutige Zeit werfen können, ich glaube, sie würden nicht für möglich halten, was
sich in den vergangenen zwanzig Jahren alles verändert hat. Sie kämen aus dem
Staunen nicht mehr raus.


Noch nie hat sich die Welt so schnell verändert, wie in den vergangenen zwanzig
Jahren. Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren hat ein drastischer Wandel
stattgefunden. Wenn ich mir die Zukunft so vor Augen halte und das, was  noch
alles auf die Menschheit zukommt, (Kriege noch nicht einmal berücksichtigt),
dann ist das garantiert eine Welt, in der ich nicht leben wollte. Daher bin ich froh,
ein Alter erreicht zu haben, in dem ich mit Sicherheit weiß, dass ich in einer von
KI bestimmten Welt, nicht mehr leben muss.
Das empfinde ich fast als eine Gnade.

~*~*~*~

Das Aufkommen superintelligenter KI
wäre entweder das Beste oder das Schlimmste,
was der Menschheit passieren kann

Stephen Hawking (* 1942 ; † 2018)
war ein britischer theoretischer Physiker und Astrophysiker.

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Dienstag, 21. Juli 2026

Das seltsame Flüstern Im Garten

Die Dorfbewohner mieden das undurchdringliche Waldgebiet hinter dem See schon seit Jahrzehnten. Doch für Nicklas, der die Stille am Abend und in der Nacht liebte, hatte der verlassene, völlig verwilderte Waldgarten hinter den rostigen Gitterstäben eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Wald unterging oder oftmals auch spät in der Nacht, machte er sich mit Stella, seiner Labradorhündin, auf den Weg hierher.


Es war kurz nach Mitternacht, als er das Anwesen erreichte. Ein dichter, fast klebriger Nebel kroch über den Boden und verschlang seine Schritte. Kaum hatte Nicklas den Fuß auf den weichen, moosigen Boden gesetzt, veränderte sich die Atmosphäre. Die Luft war kalt und roch intensiv nach feuchter Erde und süßlichem Verfall. Die mächtigen, uralten Bäume und dicht wachsenden Efeubüsche schienen ein Eigenleben zu führen. Die Äste der Bäume schienen wie erstarrt – denn es wehte kein Lüftchen –, sie streckten sich gezielt nach Nicklas aus.
Plötzlich hielt Nicklas den Atem an. Aus dem Dickicht zwischen einer knorrigen Eiche und einer Wand aus wildem Wein drangen Stimmen. Es war kein normales Sprechen, sondern ein heiseres, rhythmisches Zischeln: „Ist er das? Ist er der Neue?“ „Nein, zu alt. Zu unbeweglich. Aber er hat die Neugierde im Blick...“. „Warten wir. Der Garten vergisst niemanden.“


Nicklas starrte in die Dunkelheit. Zwischen den Blättern glaubte er, schemenhafte, spindeldürre Gestalten zu erkennen. Sie bestanden fast nur aus Schatten, ihre Augen waren zwei glimmende Punkte im fahlen Mondlicht. Sie bewegten sich lautlos, fast schwebend, und verschmolzen im nächsten Augenblick wieder mit den Mustern der Rinde. Getrieben von einer Mischung aus nackter Angst und morbider Faszination stolperte Nicklas tiefer in das Labyrinth. Am Ende eines zugewachsenen Pfades stieß er auf die Lichtung. Dort stand ein kleines, windschiefes Gartenhaus aus dunklem, morschem Holz. Die Fensterscheiben waren längst blind vor Dreck und Spinnweben, die Tür hing schief in den eisernen Angeln. Drinnen brannte schwaches Licht, in dem Umrisse von Schatten umherhuschten. Aus dem Inneren des Häuschens drang ein unheimlicher Laut. Es war kein Windzug. Es klang wie das langsame, rhythmische Scharren von Fingernägeln auf trockenem Holz, gefolgt von einem dumpfen, nassen Poltern. Kratz... Kratz... Klopf.
Plötzlich drückte sich von innen etwas gegen das staubige Fenster. Eine blasse, fleckige Hand mit viel zu langen Fingern glitt an der Scheibe herunter und hinterließ eine Spur im dicken Staub. Ein Schwall von eiskalter, modriger Luft schlug Nicklas entgegen, als sich die verzogene Holztür des Häuschens mit einem quälend langen Quietschen ein Stück weiter von selbst öffnete. Das Kratzen im Inneren des Hauses wurde schneller, hektischer. Gleichzeitig schienen die flüsternden Gestalten aus den Büschen näher zu kommen. Das Zischeln schwoll an, bis es Nicklas direkt im Nacken zu sitzen schien: „Komm doch... Es ist Zeit... Komm doch...“

Als eine Hand nach seiner Schulter zu greifen schien, riss sich Nicklas aus seiner Starre. Er wirbelte herum und rannte los. Die Dornen der Rosenbüsche rissen an seiner Kleidung, die Äste der Bäume schlugen nach seinem Gesicht, als wollten sie ihn festhalten. Er keuchte und stolperte. Plötzlich spürte er etwas Feuchtes, in seinem Gesicht. Etwas Haariges streifte seine Wange. Mit letzter Kraft wollte er dieses feuchte, haarige Etwas aus seinem Gesicht wischen. Doch er konnte sich nicht bewegen. Völlig außer Atem dreht er sich um und reißt die Augen auf.


Es war Stella, die ihn so unsanft aus seinem Albtraum erlöst hatte. Es war vollkommen still. Kein Flüstern, kein Kratzen. Nur Stella, die ihn aus treuen Hundeaugen anschaute, und Melinda, seine Frau, die ihn an der Schulter rüttelte, waren da. Beide beugten sich über ihn, Melinda lachte: „Komm doch, steh endlich auf, du Langschläfer, komm.“ Sie gab ihm noch einen Schubs. „Es ist Zeit.“ Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, rieb Nicklas sich die Augen und erhob sich aus dem Bett. Aus der Küche nahm er den Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee wahr und freute sich auf die erste, heiße Tasse. 

~*~*~*~

Wenn Wahres Traum ist, kann der Traum das Wahre sein.

Johann Wolfgang von Goethe  (* 1749 ; † 1832)
war ein deutscher Dichter und Naturforscher. 

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Freitag, 17. Juli 2026

Die Nebelfahrt der Aurelia

Wie gut, dass ich noch einige alte Geschichten in der Schublade habe,
denn ich komme nicht jeden Tag dazu, eine neue zu schreiben ;o)). 

~*~*~*~

Die Aurelia war kein großes Segelschiff. Eher ein alter, hölzerner Küstenkreuzer, der schon viele Jahre auf dem Buckel hatte. Die Planken waren dunkel vom Salz, und nachts knarrte das Holz, als würde es im Schlaf sprechen. Teile der Segel waren zerrissen. Genau das war es, was die kleine Reisegruppe schon am ersten Abend irritierte.


Es waren nur sechs Passagiere an Bord – jede und jeder mit einem eigenen Grund, diese seltsame „Themenreise“ zu buchen, die in der Anzeige nur mit einem Satz beworben worden war: „Eine Fahrt ins Ungewisse – für jene, die Antworten suchen.“

Elin, eine Botanikerin, die immer ein kleines Notizbuch bei sich trug.
Marek, ein schweigsamer Uhrmacher mit einem Gesicht, das aussah, als hätte er zu viel Zeit gesehen.
Sofia, eine junge Frau, die ständig Fotos machte – aber nie von Menschen, nur von Schatten.
Dr. Halberg, ein Historiker, der sich für alte Seefahrtslegenden interessierte.
Jonas, ein Musiker, der nachts auf dem Deck leise Melodien spielte, die niemand kannte.
Und die Kapitänin, eine Frau namens Runa, deren Augen so hell waren, dass man nie wusste, ob sie einen ansah oder durch einen hindurch.

Schon früh zog Nebel auf. Der Nebel kam plötzlich. Wie ein Vorhang, der sich über das Meer legte. Die Aurelia fuhr langsamer, und die Geräusche wurden seltsam gedämpft. In dieser Nacht hörten alle zum ersten Mal das Flüstern. Es war kein Wind. Kein Tier. Kein Mensch. Es klang wie Stimmen, die aus dem Holz selbst kamen – als würde das Schiff Erinnerungen murmeln. Sofia lief über das Deck und blieb abrupt stehen. „Habt ihr das gehört?“ flüsterte sie.
Jonas nickte. „Es klingt, als würde jemand unter uns sprechen.“
Runa, die Kapitänin, trat aus dem Schatten.
„Ihr hört nur das Meer“, sagte sie ruhig.
Aber ihre Stimme war zu schnell, zu glatt. Und niemand glaubte ihr.

Am nächsten Morgen fehlte etwas. Nicht ein Mensch – sondern ein Gegenstand. Der alte Kompass, der im Salon unter Glas lag, war verschwunden. Ein Kompass, von dem Dr. Halberg am Vorabend erzählt hatte, er sei „verflucht“ oder „gesegnet“, je nachdem, wer die Geschichte erzählte. „Er zeigt nicht Norden“, hatte Halberg gesagt. „Er zeigt das, was man sucht.“ Nun war er weg. Runa behauptete, sie habe ihn nie angerührt. Marek, der Uhrmacher, schwieg wie immer. Sofia zeigte ein Foto, das sie am Abend gemacht hatte – und darauf war der Kompass noch da. Doch hinter dem Glas, im Spiegel des Rahmens, war etwas zu sehen: Ein undeutlicher Schatten, der sich über den Kompass beugte. Nicht menschlich. Zu groß. Zu schmal. Zu… fließend.

In der zweiten Nacht wurde der Nebel dichter. Die Stimmen lauter. Elin schrieb in ihr Notizbuch: „Das Schiff erinnert sich. Aber an was?“
Jonas spielte eine Melodie, die er nicht kannte, und die Passagiere spürten, wie sich die Luft veränderte – als würde das Schiff zuhören. Dann, kurz nach Mitternacht, hörten sie Schritte unter dem Deck. Langsam. Schleppend. Wie jemand, der nicht gehen, sondern gleiten musste.
Runa lief hinunter. Niemand folgte ihr. Nach einer langen Minute kam sie zurück – bleich, aber gefasst. „Da ist niemand“, sagte sie. Doch ihre Hände zitterten.

Am dritten Tag tauchte der Kompass wieder auf. Auf dem Deck. Mitten im Nebel. Als hätte ihn jemand dort hingelegt. Aber die Nadel drehte sich nicht. Sie zeigte starr in eine Richtung – hinaus ins Weiß.
„Was ist dort?“ fragte Sofia.
Runa antwortete nicht. Sie stellte sich ans Steuer und folgte der Richtung. Die Aurelia fuhr in den Nebel hinein, und die Stimmen wurden klarer. Nicht bedrohlich. Eher… suchend. Dann hörten sie einen Satz, ganz deutlich, aus dem Holz, aus dem Nebel, aus der Tiefe: „Bringt uns heim.“

Dr. Halberg fand die Erklärung später in einem alten Logbuch, das im Maschinenraum versteckt war. Die Aurelia war einst ein Schiff, das Menschen transportierte, die nie ankamen.
Nicht durch Gewalt – sondern durch einen Sturm, der sie verschluckte. Ihre Stimmen waren nie verstummt. Sie suchten nur jemanden, der ihnen den Weg zeigte. Der Kompass zeigte nicht Norden. Er zeigte Sehnsucht. Und als die Aurelia dem Nebel folgte, öffnete sich plötzlich die Sicht – und vor ihnen lag eine kleine, vergessene Insel, auf der ein altes Wrack stand. Das Wrack der ersten Aurelia. Die Stimmen verstummten. Der Nebel löste sich. Das Schiff knarrte nicht mehr. Es war, als hätte es endlich Frieden gefunden.

Die Passagiere verließen die Insel später mit einem anderen Schiff. Die Aurelia blieb dort – still, ruhig, wie ein Tier, das sich endlich schlafen legen durfte. Und niemand sprach je wieder über die Stimmen. Aber jede und jeder von ihnen wusste: Manchmal sucht nicht der Mensch nach Antworten. Manchmal sucht die Antwort nach dem Menschen.

~*~*~*~

„Wenn du denkst, Abenteuer sind gefährlich,
versuch's mal mit Routine. Die ist tödlich“

Paulo Coelho (* 1947)
ist ein brasilianischer Schriftsteller und Bestsellerautor

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Samstag, 11. Juli 2026

Das kleine Haus mit der blauen Laterne

Robins und Sandras Liebe war nie eine von der Sorte, die leise verblasst. Sie brannte lichterloh – bis der Rauch ihnen die Sicht nahm.
Es geschah auf den Tag genau im verflixten siebten Jahr. Sie standen in der Küche ihrer Altbauwohnung, umgeben von unausgesprochenen Vorwürfen und der bleiernen Last des Alltags.


„Wenn wir jetzt nicht gehen, Robin, dann machen wir es uns gegenseitig  nur noch schwerer“, sagte Sandra leise. Ihre Stimme zitterte, aber ihre Augen waren voller trauriger  Entschlossenheit.
Robin sah sie an, das Herz schwer wie Blei. „Es ist das verflixte siebte Jahr, Sandra. Das ist nur eine Phase. Das schaffen wir.“
„Nein“, erwiderte sie, und eine Träne stahl sich über ihre Wange. „Wir haben aufgehört, uns zu lieben. Wir versuchen nur noch, die Erinnerung an die Liebe zu retten.“
Sie trennten sich. Es gab keinen herben Streit, sondern einen leisen, schmerzhaften Schnitt. Das Leben spülte sie in unterschiedliche Richtungen, über Grenzen hinweg, hinein in neue Leben, neue Pflichten, neue Gesichter. Auch wenn vierzig Jahre eine Ewigkeit sind, um zu vergessen, sind sie für das Herz doch nur ein Wimpernschlag.
Es war ein verregneter Dienstagabend, als Robin, mittlerweile im Ruhestand und in einer zwar funktionierenden, aber emotional erkalteten Ehe in Frankreich lebend, auf einem sozialen Netzwerk einen Namen eingab. Sandra Rayders. Ein Klick. Ein Foto einer reiferen, aber unverkennbar schönen Frau mit den gleichen Lachfalten wie damals. Sie lebte in Österreich.
Er schickte eine Nachricht. Nur zwei Worte: „Hallo Sandra.“
Was folgte, war eine digitale Brücke über vier Jahrzehnte hinweg. Aus einer Nachricht pro Woche wurden tägliche Kurznachrichten. Das Smartphone wurde zum Epizentrum ihrer Gedanken.

Robin: Ich habe heute im Garten Kaffee getrunken und musste an das kleine Haus in Devon denken. Weißt du noch?

Sandra: Wo der Kellner deinen Dialekt so furchtbar fand? Natürlich weiß ich das noch. Ich denke oft an Devon, Robin. Eigentlich denke ich oft an dich.

Robin: Ich bin verheiratet, Sandra. Mein Leben ist geordnet. Und trotzdem... wenn mein Telefon summt, schlägt mein Herz wie mit dreiundzwanzig. Ist das verrückt?

Sandra: Dann sind wir beide verrückt. Es fühlt sich an, als hätten wir nie aufgehört zu schreiben. Als wäre die Zeit nur ein schlechter Scherz gewesen.

Die Worte wurden intimer, die Sehnsucht greifbarer. Sie verliebten sich neu – nicht in die Geister der Vergangenheit, sondern in die Menschen, die sie geworden waren. Gefangen zwischen den Grenzen zweier Länder und den Verpflichtungen eines Ehegelübdes, suchten sie nach einem Ausweg.

Schließlich tippte Robin die Nachricht, die alles verändern sollte: „Lass uns treffen. Da, wo wir am glücklichsten waren. Am Haus mit der Blauen Laterne.“

Es war ein kleines, windschiefes Haus an der Küste. Die blaue Laterne über dem hölzernen Eingangstor schwankte im salzigen Wind, genau wie damals. Sandra stand am Zaun, das Meer im Rücken. Ihre Hände steckten tief in den Taschen ihrer Jeans. Sie war nervös. Würde die Realität die digitale Illusion zerstören? Schritte knirschten auf dem Kies. Sie drehte sich um. Dort stand er. Das Haar war weiß geworden, die Haltung etwas gebeugter, aber die Augen – die hellen, wachen Augen – waren dieselben. Er blieb zwei Meter vor ihr stehen. Für einen langen Moment hörte man nur das Rauschen der Wellen.
„Du hast dich überhaupt nicht verändert“, sagte Robin, und seine Stimme brach ganz leicht.
Sandra lachte leise, eine Mischung aus Weinen und Erleichterung. „Du bist ein furchtbarer Lügner, Robin. Aber danke.“
Er trat den letzten Schritt heran und nahm sie in den Arm. Es war keine stürmische Umarmung, sondern ein Ankommen. Ein Einrasten zweier Puzzleteile, die vierzig Jahre lang in verschiedenen Kisten gelegen hatten.
Sie mieteten das kleine Zimmer unter dem Dach, dasselbe wie damals. Doch die Unbeschwertheit der Jugend war der Realität des Alters gewichen. Am zweiten Abend, beim Schein der blauen Laterne, die ihr Licht durch das Fenster warf, saßen sie bei einer Flasche Wein.
„Wie soll es weitergehen, Robin?“, fragte Sandra direkt. „Wir können nicht in dieser Blase leben. Du hast ein Leben in Frankreich. Eine Frau.“
Robin sah in sein Glas. „Ich weiß. Marie ist eine gute Frau. Wir haben uns nichts mehr zu sagen, aber wir teilen eine Geschichte. Ein Haus. Kinder. Enkelkinder. Wenn ich gehe, zerstöre ich ein ganzes Gefüge.“
„Und wenn du bleibst?“, fragte Sandra sanft, aber bestimmt. „Zerstörst du dann nicht uns? Noch einmal?“
Robin stand auf, ging ans Fenster und blickte auf das Meer hinaus. „Als wir uns vor vierzig Jahren trennten, dachten wir, die Liebe sei vorbei. Jetzt weiß ich, sie war nur im Winterschlaf. Ich will die Jahre, die mir noch bleiben, nicht mit dem Bedauern verbringen, nicht mutig genug gewesen zu sein.“
Nach einer gemeinsamen Woche in dem kleinen Haus ging Robin auf Sandra zu und nahm ihre Hände. „Ich werde zurückfahren. Ich werde die Wahrheit sagen. Es wird schmerzhaft, es wird schmutzig und es wird mir das Herz brechen, Marie zu verletzen. Aber ich kann nicht mehr das Leben eines anderen leben.“
Sandra sah ihn lange an. Sie spürte die Schwere seiner Worte. Das hier war kein Hollywood-Film. Es gab keine leichten Antworten.
„Ich werde auf dich warten“, sagte sie leise. „Aber nicht ewig, Robin. Wir haben keine vierzig Jahre mehr.“

Drei Monate waren vergangen. Sandra saß auf der Terrasse ihres kleinen Hauses in Österreich. Auf dem Tisch lag ihr Telefon. Es war still. Robin hatte vor vier Wochen den Kontakt abgebrochen – sie hatten vereinbart, dass er seine Angelegenheiten im Reinen regeln musste, ohne den ständigen Sog der Kurznachrichten. Sie hörte das Tor quietschen und blickte auf. Am Ende des Gartenwegs stand kein junger Mann, sondern ein Mann, der die Spuren eines schweren Kampfes im Gesicht trug. Er hatte einen einzigen Koffer bei sich. Er war müde, er sah älter aus als noch in Devon – aber als er sie sah, fiel die Last von seinen Schultern. 
Robin sagte kein Wort. Er ging auf sie zu, zog einen kleinen, verbeulten Gegenstand aus der Tasche und stellte ihn auf den Gartentisch.
Es war eine kleine, batteriebetriebene blaue Laterne.
„Sie brennt vielleicht nicht so hell wie die am Meer“, sagte er mit belegter Stimme, „aber sie brennt für den Rest unseres Lebens.“
Sandra stand auf, Tränen der Erleichterung in den Augen, und schloss ihn in die Arme. Sie wussten, dass die Zukunft nicht einfach werden würde. Es gab Wunden zu heilen, Brücken, die im alten Leben verbrannt waren, und die verbleibende Zeit war kostbar. Aber als sie sich ansahen, wussten sie, dass das verflixte siebte Jahr endlich vorbei war.

Wahre Liebe beginnt dort, wo Worte überflüssig werden
und Herzen einander verstehen.

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Seelen kommunizieren nicht durch Worte,
sondern durch eine Schwingung, die alles durchbricht

Rumi (*1207 ; † 1273)
war ein persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter und
einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters

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Mittwoch, 8. Juli 2026

Das Schweigen der Glocken

Als das Kloster Sankt Gabriel vor fast vierhundert Jahren auf einem felsigen Höhenzug erbaut wurde, hieß es, die Mönche hätten den Ort nicht wegen seiner Schönheit gewählt. Vielmehr glaubten sie, dass sich dort oben Himmel und Erde näher seien als anderswo. Seit Jahrhunderten lebten dort nur wenige Brüder. Ihr Alltag verlief nach festen Regeln: Beten, Arbeiten, Schweigen. Die Mauern waren dick, die Gänge lang und kühl. Selbst an Sommertagen schien die Zeit zwischen den alten Steinen langsamer zu vergehen.


Eines regnerischen Herbstabends traf Bruder Lukas ein. Er war erst seit wenigen Monaten im Kloster und kümmerte sich um die umfangreiche Bibliothek. Sein freundliches Wesen machte ihn schnell beliebt. Vor allem Abt Benedikt erkannte seine außergewöhnliche Begabung für alte Handschriften. In der Bibliothek befand sich der größte Schatz des Klosters. Ein mittelalterliches Manuskript, dessen Herkunft niemand genau kannte. Es war mit kunstvollen Illustrationen versehen und seit Generationen unter Verschluss. Nur der Abt besaß den eisernen Schlüssel zur Truhe.

Eines Tages erschien Professor Konrad Weiss, ein Historiker aus der Stadt. Er wollte das Manuskript wissenschaftlich untersuchen. Nach langem Zögern stimmte der Abt zu. Drei Tage lang arbeitete der Professor schweigend zwischen den hohen Bücherregalen.
Am Abend vor seiner Abreise läuteten die Glocken ungewöhnlich lange. Die Brüder versammelten sich zum Nachtgebet. Nur Professor Weiss fehlte. Man fand ihn wenig später in der alten Skriptoriumskammer. Er saß auf einem hölzernen Stuhl, den Kopf auf den Schreibtisch gesunken. Vor ihm lag das geöffnete Manuskript. Der Professor war tot. Es gab keine Wunde. Keinen Kampf. Nur ein halb gefülltes Glas Rotwein und ein einzelnes Blatt Pergament, auf das jemand mit dunkler Tinte geschrieben hatte:

»Nicht jede Wahrheit gehört den Lebenden.«

Die Polizei aus der Kreisstadt traf erst am nächsten Morgen ein. Kommissarin Helena Falken war für ihre ruhige Art bekannt. Während ihre Kollegen nach Fingerabdrücken suchten, beobachtete sie die Menschen. Niemand weinte. Niemand sprach. Fast schien es, als hätten alle mit dem Tod gerechnet. Sie begann ihre Befragungen.
Bruder Lukas erzählte, der Professor habe kurz vor dem Abendessen aufgeregt gewirkt. Er habe mehrfach gesagt, er habe „etwas gefunden, das alles verändern werde“.
Der Gärtner des Klosters erinnerte sich daran, wie Professor Weiss am Nachmittag mit Bruder Anselum gestritten hatte. Bruder Anselum war der älteste Mönch. Fast neunzig Jahre alt. Blind. Doch geistig hellwach.

Als Helena ihn fragte, worüber sie gestritten hätten, lächelte er nur.
„Der Professor glaubte, Geschichte bestehe aus Tatsachen.“
„Und Sie?“
„Geschichte besteht aus Entscheidungen.“
Diese Antwort brachte die Kommissarin zunächst nicht weiter. Am zweiten Tag fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Jeden Abend wurden sämtliche Türen des Klosters von innen verriegelt. Niemand hätte das Gebäude verlassen können. Der Täter musste also einer der Anwesenden gewesen sein. Doch gegen wen sprach etwas? Der Professor war nicht vergiftet worden. Sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen.

Der Gerichtsmediziner vermutete zunächst einen natürlichen Tod. Aber Helena glaubte nicht an Zufälle. Sie untersuchte erneut das Manuskript. Dabei bemerkte sie, dass mehrere Seiten deutlich heller waren als die übrigen. Als hätte man sie vor langer Zeit ersetzt. Unter schrägem Licht erschienen winzige Einstichlöcher entlang der Bindung.
Jemand hatte Seiten herausgetrennt. Und äußerst geschickt durch Abschriften ersetzt.
Der Professor hatte dies entdeckt. Nun ergab der Streit mit Bruder Anselum plötzlich Sinn. Der alte Mönch wusste davon. Doch war er deshalb ein Mörder? Helena ließ das Pergament mit der rätselhaften Botschaft untersuchen. Die Tinte war frisch. Das Pergament dagegen über dreihundert Jahre alt. Es stammte aus derselben Werkstatt wie das Manuskript. Wer immer den Zettel geschrieben hatte, verfügte über Zugang zu den kostbaren Beständen.

Schließlich bat Helena alle Brüder in den Kapitelsaal. „Der Täter sitzt unter uns“, sagte sie ruhig. „Nicht weil er das Geheimnis des Manuskripts schützen wollte.“ Sie machte eine Pause. „Sondern weil er ein anderes Geheimnis fürchtete.“ Sie blickte zum Abt.
„Professor Weiss hat gestern Nachmittag nicht nur entdeckt, dass Seiten ersetzt wurden.“ „Er fand auch heraus, wer sie ersetzt hatte.“

Der Abt schloss die Augen. Langsam. Sehr langsam. „Vor dreißig Jahren“, begann er leise, „war das Kloster hoch verschuldet. Ein skrupelloser Sammler bot eine ungeheure Summe für einige Originalseiten des Manuskripts.“
Die Brüder blickten erschrocken auf.
„Ich glaubte, das Kloster retten zu müssen. Also verkaufte ich heimlich zwölf Seiten und ließ sie durch meisterhafte Kopien ersetzen.“
Stille.
„Professor Weiss erkannte den Betrug. Er wollte ihn veröffentlichen.“
„Aber deshalb haben Sie ihn nicht getötet“, sagte Helena.
„Nein.“
„Das glaube ich Ihnen.“
Sie wandte sich Bruder Lukas zu. Der junge Mönch war kreidebleich. 
„Sie haben gestern den Wein eingeschenkt.“
Er nickte kaum sichtbar.
„Sie wussten, dass Professor Weiss an einer schweren Erdnussallergie litt.“
Niemand verstand.
Helena hob die kleine Karaffe vom Tisch. „Im Wein befanden sich Spuren eines seltenen Nusslikörs.“
Bruder Lukas begann zu zittern.
„Schon wenige Tropfen reichten.“ „Sie wollten den Tod wie ein natürliches Herzversagen aussehen lassen.“
Tränen liefen über sein Gesicht. „Ich wollte das Kloster schützen“, flüsterte er. „Nicht den Abt.“ „Uns alle.“ „Wenn der Skandal bekannt geworden wäre, hätte man das Kloster geschlossen.“
„Aber dafür hatten Sie kein Recht, einen Menschen zu töten.“
Lange sagte niemand etwas.
Schließlich erhob sich Bruder Anselum.
Der blinde Greis ging langsam auf den jungen Mönch zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wer glaubt, eine Lüge retten zu müssen“, sagte er leise, „verliert zuerst die Wahrheit und am Ende sich selbst.“


Als Bruder Lukas von der Polizei abgeführt wurde, läuteten draußen die Glocken. Zum ersten Mal seit vielen Jahren klangen sie nicht wie ein Ruf zum Gebet. Sondern wie ein Abschied.
Und als Kommissarin Helena Falk das Kloster verließ, drehte sie sich noch einmal um.
Die Mauern standen unverändert im Morgenlicht. Doch sie wusste, dass alte Gebäude keine Geheimnisse bewahren. Das tun nur Menschen.

~*~*~*~

Zum Glück brauchst du Freiheit,
zur Freiheit brauchst du Mut.

Thukydides (um 454–398 v. Chr.)
war ein aus aristokratischen Verhältnissen
stammender antiker Athener General und Historiker

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