Wie gut, dass ich noch einige alte Geschichten in der Schublade habe,
denn ich komme nicht jeden Tag dazu, eine neue zu schreiben ;o)).
~*~*~*~
Die Aurelia war kein großes Segelschiff. Eher ein alter, hölzerner Küstenkreuzer, der schon viele Jahre auf dem Buckel hatte. Die Planken waren dunkel vom Salz, und nachts knarrte das Holz, als würde es im Schlaf sprechen. Teile der Segel waren zerrissen. Genau das war es, was die kleine Reisegruppe schon am ersten Abend irritierte.
Es waren nur sechs Passagiere an Bord – jede und jeder mit einem eigenen Grund, diese seltsame „Themenreise“ zu buchen, die in der Anzeige nur mit einem Satz beworben worden war: „Eine Fahrt ins Ungewisse – für jene, die Antworten suchen.“
Elin, eine Botanikerin, die immer ein kleines Notizbuch bei sich trug.
Marek, ein schweigsamer Uhrmacher mit einem Gesicht, das aussah, als hätte er zu viel Zeit gesehen.
Sofia, eine junge Frau, die ständig Fotos machte – aber nie von Menschen, nur von Schatten.
Dr. Halberg, ein Historiker, der sich für alte Seefahrtslegenden interessierte.
Jonas, ein Musiker, der nachts auf dem Deck leise Melodien spielte, die niemand kannte.
Und die Kapitänin, eine Frau namens Runa, deren Augen so hell waren, dass man nie wusste, ob sie einen ansah oder durch einen hindurch.
Schon früh zog Nebel auf. Der Nebel kam plötzlich. Wie ein Vorhang, der sich über das Meer legte. Die Aurelia fuhr langsamer, und die Geräusche wurden seltsam gedämpft. In dieser Nacht hörten alle zum ersten Mal das Flüstern. Es war kein Wind. Kein Tier. Kein Mensch. Es klang wie Stimmen, die aus dem Holz selbst kamen – als würde das Schiff Erinnerungen murmeln. Sofia lief über das Deck und blieb abrupt stehen. „Habt ihr das gehört?“ flüsterte sie.
Jonas nickte. „Es klingt, als würde jemand unter uns sprechen.“
Runa, die Kapitänin, trat aus dem Schatten.
„Ihr hört nur das Meer“, sagte sie ruhig.
Aber ihre Stimme war zu schnell, zu glatt. Und niemand glaubte ihr.
Am nächsten Morgen fehlte etwas. Nicht ein Mensch – sondern ein Gegenstand. Der alte Kompass, der im Salon unter Glas lag, war verschwunden. Ein Kompass, von dem Dr. Halberg am Vorabend erzählt hatte, er sei „verflucht“ oder „gesegnet“, je nachdem, wer die Geschichte erzählte. „Er zeigt nicht Norden“, hatte Halberg gesagt. „Er zeigt das, was man sucht.“ Nun war er weg. Runa behauptete, sie habe ihn nie angerührt. Marek, der Uhrmacher, schwieg wie immer. Sofia zeigte ein Foto, das sie am Abend gemacht hatte – und darauf war der Kompass noch da. Doch hinter dem Glas, im Spiegel des Rahmens, war etwas zu sehen: Ein undeutlicher Schatten, der sich über den Kompass beugte. Nicht menschlich. Zu groß. Zu schmal. Zu… fließend.
In der zweiten Nacht wurde der Nebel dichter. Die Stimmen lauter. Elin schrieb in ihr Notizbuch: „Das Schiff erinnert sich. Aber an was?“
Jonas spielte eine Melodie, die er nicht kannte, und die Passagiere spürten, wie sich die Luft veränderte – als würde das Schiff zuhören. Dann, kurz nach Mitternacht, hörten sie Schritte unter dem Deck. Langsam. Schleppend. Wie jemand, der nicht gehen, sondern gleiten musste.
Runa lief hinunter. Niemand folgte ihr. Nach einer langen Minute kam sie zurück – bleich, aber gefasst. „Da ist niemand“, sagte sie. Doch ihre Hände zitterten.
Am dritten Tag tauchte der Kompass wieder auf. Auf dem Deck. Mitten im Nebel. Als hätte ihn jemand dort hingelegt. Aber die Nadel drehte sich nicht. Sie zeigte starr in eine Richtung – hinaus ins Weiß.
„Was ist dort?“ fragte Sofia.
Runa antwortete nicht. Sie stellte sich ans Steuer und folgte der Richtung. Die Aurelia fuhr in den Nebel hinein, und die Stimmen wurden klarer. Nicht bedrohlich. Eher… suchend. Dann hörten sie einen Satz, ganz deutlich, aus dem Holz, aus dem Nebel, aus der Tiefe: „Bringt uns heim.“
Dr. Halberg fand die Erklärung später in einem alten Logbuch, das im Maschinenraum versteckt war. Die Aurelia war einst ein Schiff, das Menschen transportierte, die nie ankamen.
Nicht durch Gewalt – sondern durch einen Sturm, der sie verschluckte. Ihre Stimmen waren nie verstummt. Sie suchten nur jemanden, der ihnen den Weg zeigte. Der Kompass zeigte nicht Norden. Er zeigte Sehnsucht. Und als die Aurelia dem Nebel folgte, öffnete sich plötzlich die Sicht – und vor ihnen lag eine kleine, vergessene Insel, auf der ein altes Wrack stand. Das Wrack der ersten Aurelia. Die Stimmen verstummten. Der Nebel löste sich. Das Schiff knarrte nicht mehr. Es war, als hätte es endlich Frieden gefunden.
Die Passagiere verließen die Insel später mit einem anderen Schiff. Die Aurelia blieb dort – still, ruhig, wie ein Tier, das sich endlich schlafen legen durfte. Und niemand sprach je wieder über die Stimmen. Aber jede und jeder von ihnen wusste: Manchmal sucht nicht der Mensch nach Antworten. Manchmal sucht die Antwort nach dem Menschen.
~*~*~*~
„Wenn du denkst, Abenteuer sind gefährlich,
versuch's mal mit Routine. Die ist tödlich“
Paulo Coelho (* 1947)
ist ein brasilianischer Schriftsteller und Bestsellerautor
~*~


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass du dir Zeit für ein paar nette oder kritische Worte nimmst. Auch deine Meinung zu den diversen Themen ist willkommen.
Aufgrund der neuen Datenschutzrichtlinien (DSGVO) bitte ich Folgendes zu beachten:
Mit der Nutzung der Kommentarfunktion dieser Webseite, die von Google zur Verfügung gestellt wird, erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten auf dem Google-Server einverstanden.