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Donnerstag, 29. Oktober 2026

Keine Zeit, alt zu werden

Das Problem mit dem Altwerden war, dass Martha schlicht keine Zeile mehr im Terminkalender dafür freihatte.
Es war Dienstagmorgen, Punkt sieben Uhr. Martha, achtzig Jahre jung, saß in ihrer lichtdurchfluteten Küche. Neben ihr dampfte eine Tasse Earl Grey, vor ihr duftete ein frisches Brötchen und daneben leuchteten zwei Bildschirme. Wie jeden Morgen war es die Zeit, sich über das Weltgeschehen zu informieren, während zu ihren Füßen Pauline und Clementine – zwei betagte Hündinnen – leise im Takt ihrer Träume schnarchten.


„Martha“, hatte ihre Nachbarin Frau Lübbens neulich über den Gartenzaun gerufen, während Martha gerade auf eine Stehleiter stieg, um die Kletterrose am Rosenbogen festzubinden, „solltest du in deinem Alter nicht etwas kürzertreten? Mal die Beine hochlegen? Ein Rätselheft lösen?“
Martha hatte damals kurz innegehalten, die Rosenschere in der Hand balanciert und geantwortet: „Hildchen, mein Kind, fürs Beine-Hochlegen habe ich frühestens 2046 Zeit. Da feiere ich meinen Hundersten, und da muss ich nachmittags vielleicht mal zwei Stunden schlafen, bevor die Feier steigt.“
Frau Lübbens hatte nur verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Aber Frau Lübbens verstand eben auch nicht, was es bedeutete, ein »digitales Imperium« und einen Naturgarten gleichzeitig zu führen.

Marthas Tag folgte einer strengen, aber hochgradig vergnüglichen Logik:

07:30 Uhr: zehn Minuten Gymnastik. Danach eine Hunde-Runde durch den Taunebel. Pauline brauchte zwanzig Minuten, um ihren Lieblingsbaumstamm zu beschnuppern, was Martha die perfekte Gelegenheit bot, auf dem Smartphone den Entwurf für ihren neuesten Blogbeitrag einzusprechen. Titel: »Warum KI-Bilder die neue Aquarellmalerei sind – und warum mein Komposthaufen schöner ist als euer Algorithmus.«
09:00 Uhr: Die digitale Kunststunde. Martha fütterte eine künstliche Intelligenz mit Prompts. »Ein barocker Pavillon aus Farnen, beleuchtet von Glühwürmchen, im Stil von Monet, hochauflösend.« Wenn das Ergebnis erschien, korrigierte sie schmunzelnd: »Ach, du dummes Kistchen, Farn hat doch keine Blüten!«, passte den Prompt an und lud das meisterhafte Bild direkt auf ihren Blog hoch.
10:00 Uhr: Eine weitere Stunde, um die neuesten Nachrichten aus aller Welt zu lesen und ihre Meinung dazu in ihrem Tagebuch festzuhalten.
11:00 Uhr: Gartenzeit. Unkraut zupfen, Laub fegen, Tomaten ausgeizen, mit den Amseln debattieren und eine Weile die Vögel am Futterhäuschen beobachten.
14:00 Uhr: Einem kleinen Imbiss folgt bei gedämpfter Hintergrundmusik eine zeitlang intensives, tiefes Denken. 
Nachmittags: Schreiben an ihrem ersten Kriminalroman: »Der Mörder war immer der Gärtner – außer wenn die KI den Hinweis fand.« Und das Essay über Kant lesen, dessen Aufruf:  «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen», sie ganz besonders beeindruckt hat.


Eines Nachmittags jedoch geschah es. Martha saß am Schreibtisch, als sie plötzlich ein Zwicken in der Hüfte spürte. Ein dumpfer, ziehender Schmerz, der leise flüsterte: »Erinnerst du dich? Du bist achtzig. Zeit für den Schaukelstuhl. Zeit für das Alter.«
Martha hielt inne. Sie blickte auf ihre Hände. Die Haut war faltig, gezeichnet von Jahrzehnten in der Sonne, bedeckt mit feinen Pigmentflecken. Einen Moment lang war es ganz still im Raum. Das Alter stand wie ein ungebetener Gast in der Tür, zog den Hut und wollte sich auf das Sofa setzen.
Martha sah auf die Uhr. Es war 15:42 Uhr. „Ach, verdammt“, murmelte Martha leise. „Ausgerechnet jetzt.“ Sie sah das Alter direkt an – gedanklich natürlich. „Hör mal“, sagte sie laut zu der leeren Zimmerecke. „Ich verstehe dein Anliegen. Wirklich. Achtzig ist ein schönes, würdevolles Alter für ein bisschen Rheuma und eine Tasse Fencheltee. Aber du kommst denkbar ungelegen.“ Sie tippte auf die Tastatur. „Ich habe gerade fünfzig Kommentare auf meinem Blog, die beantwortet werden wollen. Die KI generiert mir seit zehn Minuten keinen gescheiten Drachen für das Cover von Kapitel vier. Pauline hat gleich ihre Physiotherapie, und wenn ich die Kürbisse im Garten nicht gieße, trocknen sie aus.“ Sie stand auf. Die Hüfte knackte vernehmlich – wie ein trockener Ast im Wind. Martha lächelte. Es war kein Ignorieren des Körpers, es war eine liebevolle Vereinbarung. Sie griff nach der Hundeleine, woraufhin Pauline und Clementine sofort die Ohren spitzten und freudig mit den Schwänzen auf den Dielenboden klopften.


„Weißt du“, sagte Martha, als sie die Haustür öffnete und die frische Nachmittagsluft einatmete, „alt zu werden ist keine Frage der Jahre. Es ist eine Frage der freien Zeit. Und solange ich noch wissen will, wie die Geschichte ausgeht, wie das nächste Bild aussieht und ob die Pfingstrosen im Frühjahr wieder blühen, bin ich einfach viel zu beschäftigt und habe keine Zeit, alt zu werden.“
Sie ging los. Die Schritte waren vielleicht etwas langsamer als vor zwanzig Jahren, aber sie führten genau dorthin, wo das Leben gerade am spannendsten war: mitten ins Nächste.
Das Alter wartete noch eine Weile auf dem Sofa, trank aber mangels Gesellschaft seinen Tee allein aus und beschloss schlussendlich, später noch einmal vorbeizuschauen. Martha hatte schließlich Besseres zu tun und keine Zeit, sich um das Alter zu kümmern.

~*~
  Alter ist nur eine Zahl, die Leidenschaft kennt kein Verfallsdatum
Sprichwort

~*~*~*~*~*~*~*🗽*~*~*~*~*~*~*~
To our American friends!
What could be more important than to fight for peace,
freedom, and democracy, and to stand up against
oppression and autocratic governments?


Who wants to live under an autocratic government -
or even in a dictatorship? 

I wish you all the best on Midterm Election Day and
I hope that you succeed in
preserving your country as a democratic nation.
I hope so much you can prevent your country from becoming an autocracy.
It is the most important election in the history of the United States of America.

I'm keeping my fingers crossed!

GO VOTE! VOTE!  VOTE!
Vote for Democracy—otherwise,
The Land of the Free will change drastically for the worse.

 ~*~

Democracy, the practice of self-government,
is a covenant among free men to respect the Rights
and liberties of their fellows.

Franklin D. Roosevelt  (* 1882 ; † 1945),
32nd President of the United States
He was a member of the Democratic Party
~*~*~*~*~*🗽*~*~*~*~*~
 
~*~
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Hört endlich auf, Kriege zu führen und Menschen zu töten!
Wer gibt euch überhaupt das Recht dazu?
🙏 God bless the people of the world, except the warmonger 🙏
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Montag, 5. Oktober 2026

Eine Spätsommernacht

Die Dunkelheit über dem Hügel war nicht schwarz,
sondern von einem tiefen Samtblau,
durch das sich das matte Band der Milchstraße zog.
Ein milder Wind trug den Duft von trockenem Gras
und reifen Äpfeln herauf.


Auf einer ausgebreiteten Decke saßen Paul und Eva.
Zwischen ihnen lag ein altes Teleskop, ungenutzt.
Ihre Blicke waren nach oben gerichtet, dorthin, wo die Sterne
der Spätsommernacht wie vergessene Diamanten funkelten.
„Dort oben wirkt alles so geordnet“, brach Paul das Schweigen.
Seine Stimme war leise, fast so, als befürchtete er,
die Stille zu zerbrechen.
„Als hätte jeder Punkt seinen festen Platz,
an dem ihm nichts geschehen kann.“
Eva zog die Beine an den Körper und legte das Kinn auf die Knie.
Der abnehmende Mond warf ein silbernes Licht auf ihr Gesicht.
„Glaubst du, sie spüren, was hier unten passiert?
Der Lärm, die Unruhe, das ständige Suchen?“
„Ich hoffe nicht“, erwiderte Paul und lächelte matt.
„Es wäre schade um ihre Ruhe. Schau mal, dort drüben –
das ist das Sommerdreieck. Wega, Deneb und Altair.
Sie leuchten schon seit Jahrtausenden genau so.
Sie haben Imperien stürzen und neue Welten entstehen sehen.
Und trotzdem verändern sie ihr Licht nicht.“
Eva wandte den Kopf und sah ihn an.
„Manchmal frage ich mich, ob der Frieden, den wir suchen,
überhaupt eine greifbare Sache ist.
Oder ob er nur ein Traum bleibt,
den wir uns gegenseitig erzählen müssen,
damit wir nicht den Mut verlieren.“

~*~*~*~

Wir erahnen die Unermesslichkeit unserer Unwissenheit,
wenn wir die Unermesslichkeit des Sternenhimmels betrachten.

Karl Popper (* 1902 ; † 1994)
war ein österreichisch-britischer Philosoph. 

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Montag, 21. September 2026

Das neue Leben

Das Holz der Gartenhütte roch nach Kiefernharz und vergangenem Regen. Es war ein ehrlicher Geruch, ganz anders als die klimatisierte, sterile Luft des gläsernen Bürokomplexes, in dem David fast fünfzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte.


David saß auf einer wackeligen Holzbank, die Hände um einen Becher dampfenden Kaffee geschlossen. Früher hatte er für eine Tasse kolumbianischen Hand-Filtered-Schnitt achtzehn Euro gezahlt. Heute schmeckte ihm der billige Filterkaffee aus der Thermoskanne besser.
Hinter dem Zaun schnaubte es. Sunny, ein schwerer, gutmütiger Fuchswallach mit einer breiten Blesse, schob seinen Kopf über das morsche Holz. David lächelte – ein echtes, langsames Lächeln, das seine Augen erreichte. Er stand auf, ging zum Zaun und kraulte das Pferd an seiner Lieblingsstelle hinter den Ohren.
„Na, alter Junge“, murmelte David. „Auch schon wach?“
Sunny drückte den Kopf gegen Davids Brust. Dieses Tier fragte nicht nach Algorithmen. Es fragte nicht, warum die Synthetix-Modellreihe 9 Davids Risikoanalysen in Sekundenbruchteilen und für einen Bruchteil der Kosten erledigen konnte.
Noch vor einem Jahr sah Davids Leben völlig anders aus. Als der Brief mit der Kündigung kam – verpackt in Floskeln von »struktureller Optimierung durch autonome Systeme« – brach seine Welt zusammen.
Zuhause war er unerträglich geworden. Jedes Mal, wenn seine Frau Jana von ihren Erfolgen in der Kanzlei erzählte, spürte er einen stechenden Schmerz. Er fühlte sich wertlos, ersetzt durch ein Bündel aus Drähten und künstlichen Synapsen. Der Alkohol war anfangs ein Tröster, wurde aber schnell zum Keil zwischen ihnen.
„Du ertrinkst in Selbstmitleid, David!“, hatte Jana geschrien, Tränen der Wut in den Augen. „Es ist nicht die KI, die unsere Ehe zerstört. Das bist du. Du hast dich aufgegeben!“
Die Scheidung folgte prompt. Da das Haus von Janas Familie stammte und David ohnehin kaum noch die Raten zahlen konnte, stand er plötzlich auf der Straße. Sein alter Schulfreund Markus hatte ihm schließlich die verlassene Gartenhütte am Rande seiner Koppel angeboten.

„Du siehst besser aus“, sagte eine Stimme hinter ihm. Markus kam mit einer Heugabel in der Hand auf den Zaun zu. „Nicht mehr so grau im Gesicht.“
„Ich schlafe wieder, Markus“, antwortete David und klopfte Sunnys Hals. „Das erste Mal seit Monaten ohne Albträume, in denen mir ein Roboter die Luft abdreht.“
„Und der Schnaps?“ Markus blickte ihn prüfend an.
„Seit sechs Wochen nicht angefasst“, sagte David ruhig. „Wenn ich nachts aufwache und der Druck kommt, gehe ich raus zu Sunny. Wir stehen dann einfach im Dunkeln. Das beruhigt.“
Markus nickte anerkennend. „Das einfache Leben steht dir. Aber sag mal… wie soll es weitergehen? Du kannst ja nicht ewig hierbleiben. Du brauchst eine Perspektive.“
David blickte über die weite, grüne Koppel. Er besaß jetzt drei Hosen, vier Hemden, ein paar Bücher und diesen Ausblick. Und seltsamerweise fühlte er sich reicher als je zuvor.
„Ich will nicht mehr zurück in die Zahlenwelt, Markus. Die Maschinen können das besser, und weißt du was? Sollen sie doch. Sie können aber nicht spüren, wie warm die Sonne ist. Sie können keine Bindung aufbauen.“ Er sah zu Sunny. „Ich habe mit dem alten Tierarzt, Dr. Berger, gesprochen. Er sucht jemanden, der ihm bei den schweren Großtieren hilft. Ställe ausmisten, Transporte fahren, assistieren. Es ist ein Bruchteil meines alten Gehalts. Aber es reicht für die Miete einer kleinen Wohnung hier im Dorf. Und ich darf Sunny jeden Tag sehen.“

Drei Monate später hatte David die kleine Wohnung bezogen. Seine Hände waren voller Hornhaut, sein Gesicht wettergebräunt. Er war fitter und ausgeglichener als mit Mitte zwanzig. An einem Samstagabend, als er gerade Sunny frisches Heu brachte, hielt ein elegantes, leises Elektroauto am Wegrand. Die Tür öffnete sich. Jana stieg aus. David blieb überrascht stehen. Sie wirkte wie aus einer anderen Dimension – perfekt gestylt, teurer Mantel. Doch als sie ihn ansah, veränderte sich ihr Blick. Das Misstrauen und die Verachtung waren verschwunden. Da war nur Staunen. „Hallo David“, sagte sie leise.
„Jana. Was führt dich her?“ Seine Stimme war frei von Groll.
„Markus hat mir erzählt, dass es dir besser geht. Ich… ich wollte mich selbst davon überzeugen.“ Sie trat an den Zaun, hielt aber Abstand zu Sunny, der neugierig schnaubte. „Du siehst… verändert aus. Gut.“
„Ich bin es auch“, sagte David. „Es tut mir leid, Jana. Für das letzte Jahr. Ich habe meine Identität nur über meinen Job definiert. Als der weg war, dachte ich, ich sei nichts mehr wert. Ich habe das an dir ausgelassen.“
Jana senkte den Blick. „Es war schwer mitanzusehen, wie du dich zerstörst. Ich wollte dich nicht im Stich lassen, David. Aber ich konnte nicht mit dir untergehen.“ Sie sah hoch, direkt in seine Augen. „Der Roboter, der dich ersetzt hat… das System hat letzte Woche einen massiven Fehler gemacht. Die Firma hat Millionen verloren. Sie suchen jetzt nach Leuten, die die Logik der alten Schule verstehen. Mein Chef hat mich gefragt, ob ich weiß, wo du bist. Sie würden dir das Doppelte deines alten Gehalts bieten, wenn du als Berater zurückkommst.“
Es war der Moment, von dem David monatelang geträumt hatte. Die ultimative Genugtuung. Die Maschine hatte versagt, der Mensch wurde gebraucht.
David schaute von Jana zu Sunny, der seinen Kopf sanft auf Davids Schulter legte. Er spürte den gleichmäßigen Atem des Pferdes, roch den Duft von Heu und Freiheit. Er dachte an die schlaflosen Nächte im Luxus und an den tiefen Frieden in der kleinen Hütte.
Er lächelte Jana sanft an und schüttelte den Kopf. „Sag ihnen danke, Jana. Aber sag ihnen auch, dass ich einen anderen Job habe.“
„Wo, von wem?“, fragte sie verwirrt.
David klopfte Sunny auf die Flanke. „Von mir selbst. Ich habe endlich angefangen, mein eigenes Leben zu leben. Und diesen Job kündige ich nicht mehr.“
Jana sah ihn lange an. In ihren Augen lag kein Unverständnis mehr, sondern ein tiefes Quäntchen Respekt. Sie nickte langsam, verabschiedete sich mit einem leisen „Mach’s gut, David“ und ging zurück zu ihrem Auto.


David sah ihr nicht hinterher. Er drehte sich um, nahm Sunnys Halfter und ging mit dem Pferd langsam im Abendlicht über die Koppel. Er hatte alles verloren, was er besessen hatte – und genau dadurch alles gefunden, was er brauchte.

~*~*~*~

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen,
das wir geplant haben, damit wir das Leben finden,
das auf uns wartet.

Oscar Wilde (* 1854 ; † 1900)
war ein irischer Schriftsteller

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Donnerstag, 10. September 2026

Zur späten Stunde in späten Jahren

Der Nachmittag lag golden über dem kleinen Garten hinter dem Altersheim. Zwischen den letzten Rosen des Jahres, die trotz des nahenden Herbstes noch einmal aufgeblüht waren, saßen Elisabeth und Anton auf der immer gleichen Bank. Seit drei Jahren trafen sie sich hier, jeden Nachmittag, wenn das Licht schräg durch die Ulmen fiel.
Elisabeth war siebenundachtzig, Anton zwei Jahre älter. Beide hatten Kinder, die selten kamen, und Erinnerungen, die immer kamen, ob man sie rief oder nicht.


„Schau dir das an", sagte Anton und deutete mit seinem knotigen Zeigefinger auf eine Hummel, die schwerfällig von Blüte zu Blüte taumelte. „Neunzig Jahre lebe ich jetzt, und ich habe erst gestern verstanden, wie dieses Tier eigentlich fliegt. Zu schwer für seine Flügel, sagen die Physiker. Und trotzdem fliegt sie."
Elisabeth lächelte, ohne den Blick von der Hummel zu nehmen. „Vielleicht hat niemand ihr gesagt, dass es unmöglich ist."
„So ist es wohl mit vielem gewesen in meinem Leben." Anton lehnte sich zurück, seine Hände falteten sich in seinem Schoß, ruhig wie zwei alte Vögel, die sich zur Nacht niederlassen.
„Wir haben es einfach getan. Geheiratet, ohne zu wissen, ob es hält. Kinder bekommen, ohne zu wissen, ob wir gute Eltern sein würden. Ein Haus gebaut, Stein für Stein, ohne zu wissen, ob wir das Dach je sehen würden."
„Und jetzt sitzen wir hier", sagte Elisabeth leise, „und sehen einer Hummel beim Unmöglichen zu."
Sie schwiegen eine Weile. Ein Windstoß fuhr durch die Ulmen, und ein paar gelbe Blätter lösten sich, drehten sich im Fallen wie kleine Tänzerinnen, die ihre letzte Vorstellung geben.
„Weißt du, was mir auffällt, seit ich alt bin?", fragte Elisabeth schließlich. „Als junger Mensch habe ich das Leben genommen wie ein selbstverständliches Geschenk – so, wie man Luft nimmt, ohne an sie zu denken. Man atmet einfach, man lebt einfach. Man denkt, es müsse so sein."
„Und jetzt?"

„Jetzt weiß ich, dass nichts davon selbstverständlich war. Nicht ein einziger Atemzug. Nicht ein Sonnenaufgang. Nicht, dass mein Herz seit siebenundachtzig Jahren schlägt, ohne dass ich es ihm je habe beibringen müssen." Sie legte eine Hand auf ihre Brust, spürte den ruhigen, unermüdlichen Takt darunter. „Stell dir vor, Anton – dieses kleine Ding da drin hat sich nicht einmal ausgeruht. Nicht eine Sekunde, seit dem Tag, an dem ich geboren wurde."

Anton nickte langsam. „Ich habe als Bauer gearbeitet, mein Leben lang, wie du weißt. Fünfzig Jahre lang habe ich Samen in die Erde gelegt und zugesehen, wie aus totem, trockenem Korn etwas Grünes, Lebendiges wurde. Fünfzig Jahre, und jedes Mal habe ich mich gewundert. Man gewöhnt sich nie wirklich daran, wenn man genau hinschaut."
„Warum haben wir so lange gebraucht, um das zu sehen?"
„Weil wir beschäftigt waren", sagte Anton mit einem trockenen Lachen. „Weil das Leben uns die Illusion der Zeit geschenkt hat, das größte aller Geschenke – die Illusion, es wäre unendlich viel davon da. Erst wenn man merkt, dass die Zeit ein Ende hat, sieht man, dass jeder Tag selbst das Wunder ist, nicht bloß ein Mittel zu etwas anderem."

Ein alter Kater strich um Elisabeths Beine, der Hauskater des Heims, den alle nur "der Graue" nannten. Sie beugte sich vor, so gut es ihre Hüfte erlaubte, und streichelte ihn zwischen den Ohren.
„Erinnerst du dich", sagte sie, „wie du mir letztes Jahr erzählt hast, dass dein Enkel dich gefragt hat, wovor du am meisten Angst hättest?"
„Ich erinnere mich."
„Was hast du ihm geantwortet?"
Anton schwieg einen Moment. Die Falten um seine Augen vertieften sich, wie sie es immer taten, wenn er in sich hineinhorchte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich früher Angst vor dem Sterben hatte. Aber inzwischen habe ich mehr Angst davor, ungeduldig durch die letzten Jahre zu hetzen, ohne sie wirklich gelebt zu haben. Das Sterben kommt sowieso, ob ich mich fürchte oder nicht. Aber ob ich diesen Nachmittag hier, mit dir, mit dieser Hummel und diesem albernen Kater wirklich sehe – das liegt an mir."
Elisabeth schwieg, und in diesem Schweigen lag keine Traurigkeit, sondern etwas wie Andacht.
„Ich denke oft an das Wasser", sagte sie nach einer Weile. „An wie viele Zufälle es gebraucht hat, dass es überhaupt Wasser auf dieser Erde gibt. Und dann noch, dass daraus Leben wurde. Und dann, dass aus all den möglichen Leben genau meines wurde, mit dir als Nachbarn, mit meinem Mann, den ich vierzig Jahre lang lieben durfte, mit meinen Kindern, die mich manchmal vergessen, aber die es gibt, weil es mich gab."
„Ein Wunder, das ein anderes Wunder gebiert", murmelte Anton. „Immer weiter, seit Milliarden von Jahren. Und niemand von uns hat sich das verdient. Es wurde uns einfach gegeben."
„Weißt du, was ich manchmal denke?" Elisabeth wandte sich ihm zu, ihre Augen, trüb geworden vom Alter, aber wach wie eh und je. „Ich denke, die Jugend glaubt, das Leben schulde ihr etwas. Und das Alter weiß, dass das Leben ihr nichts schuldete – und trotzdem alles gegeben hat."
Anton lachte leise, ein Lachen, das mehr Husten war als Freude, aber echt. „Du solltest das aufschreiben."
„Wozu? Ich habe es dir gesagt. Das reicht mir."
Die Sonne war inzwischen tiefer gesunken, warf lange Schatten über den Kiesweg. Die Hummel hatte ihre Runde durch die Rosen beendet und war irgendwo in der Dämmerung verschwunden, unmöglich fliegend, wie sie es immer tat.


„Ich werde morgen früh die Amseln hören", sagte Anton, mehr zu sich selbst als zu Elisabeth. „Ich weiß nicht, wie viele Morgen mir noch bleiben, an denen ich sie hören kann. Aber morgen – morgen werde ich sie hören, und das ist genug."
„Das ist genug", wiederholte Elisabeth.
Sie saßen noch lange dort, zwei alte Menschen auf einer Bank, während der Garten sich langsam in Blau und Violett kleidete und die ersten Sterne durch die Ulmenzweige blinzelten. Sie sprachen nicht mehr viel. Manchmal braucht das Staunen keine Worte – nur zwei Menschen, die endlich gelernt haben, hinzusehen, und einen Abend, der bereit ist, sich ihnen zu zeigen.
~*~*~*~

Und dann gibt es alte, gar greisenhafte Herrscher, die im Geld schwimmen, 
in Reichtum und Luxus leben, und dennoch nicht zufrieden sind.
Die alles erreicht haben, denen jedoch eins fehlte: Macht.
Da ihnen diese Macht zuteil wurde, führen sie im hohen, gar greisenhaften
Alter, noch Kriege. Sie greifen andere Länder an, töten Menschen und
zerstören die Heimat von Menschen, die ihnen nichts getan haben.
Sie könnten ihr Leben im Alter genießen, ziehen es jedoch vor, sich selbst und
anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Tod, Leid, Kummer und
Zerstörung über Menschen zu bringen!
Wie dumm muss man sein?!
Sie haben trotz ihres hohen Alters nicht gelernt, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Daher sind sie eigentlich zu bedauern, denn genau genommen führen sie
ein erbarmungswürdiges Leben, um das sie nicht zu beneiden sind.
Sie sind trotz ihres Reichtums und ihres Lebens in goldverzierten Luxusresidenzen,
erbärmliche, verachtenswerte, widerliche alte Versager, die nicht begriffen haben,
was Leben bedeutet und was für ein wertvolles Geschenk Leben ist.

~*~*~
  Im Alter kommt es nicht mehr auf das Werden an,
sondern sich des Wertes des Seins bewusst zu sein.

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Dienstag, 21. Juli 2026

Das seltsame Flüstern Im Garten

Die Dorfbewohner mieden das undurchdringliche Waldgebiet hinter dem See schon seit Jahrzehnten. Doch für Nicklas, der die Stille am Abend und in der Nacht liebte, hatte der verlassene, völlig verwilderte Waldgarten hinter den rostigen Gitterstäben eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Wald unterging oder oftmals auch spät in der Nacht, machte er sich mit Stella, seiner Labradorhündin, auf den Weg hierher.


Es war kurz nach Mitternacht, als er das Anwesen erreichte. Ein dichter, fast klebriger Nebel kroch über den Boden und verschlang seine Schritte. Kaum hatte Nicklas den Fuß auf den weichen, moosigen Boden gesetzt, veränderte sich die Atmosphäre. Die Luft war kalt und roch intensiv nach feuchter Erde und süßlichem Verfall. Die mächtigen, uralten Bäume und dicht wachsenden Efeubüsche schienen ein Eigenleben zu führen. Die Äste der Bäume schienen wie erstarrt – denn es wehte kein Lüftchen –, sie streckten sich gezielt nach Nicklas aus.
Plötzlich hielt Nicklas den Atem an. Aus dem Dickicht zwischen einer knorrigen Eiche und einer Wand aus wildem Wein drangen Stimmen. Es war kein normales Sprechen, sondern ein heiseres, rhythmisches Zischeln: „Ist er das? Ist er der Neue?“ „Nein, zu alt. Zu unbeweglich. Aber er hat die Neugierde im Blick...“. „Warten wir. Der Garten vergisst niemanden.“


Nicklas starrte in die Dunkelheit. Zwischen den Blättern glaubte er, schemenhafte, spindeldürre Gestalten zu erkennen. Sie bestanden fast nur aus Schatten, ihre Augen waren zwei glimmende Punkte im fahlen Mondlicht. Sie bewegten sich lautlos, fast schwebend, und verschmolzen im nächsten Augenblick wieder mit den Mustern der Rinde. Getrieben von einer Mischung aus nackter Angst und morbider Faszination stolperte Nicklas tiefer in das Labyrinth. Am Ende eines zugewachsenen Pfades stieß er auf die Lichtung. Dort stand ein kleines, windschiefes Gartenhaus aus dunklem, morschem Holz. Die Fensterscheiben waren längst blind vor Dreck und Spinnweben, die Tür hing schief in den eisernen Angeln. Drinnen brannte schwaches Licht, in dem Umrisse von Schatten umherhuschten. Aus dem Inneren des Häuschens drang ein unheimlicher Laut. Es war kein Windzug. Es klang wie das langsame, rhythmische Scharren von Fingernägeln auf trockenem Holz, gefolgt von einem dumpfen, nassen Poltern. Kratz... Kratz... Klopf.
Plötzlich drückte sich von innen etwas gegen das staubige Fenster. Eine blasse, fleckige Hand mit viel zu langen Fingern glitt an der Scheibe herunter und hinterließ eine Spur im dicken Staub. Ein Schwall von eiskalter, modriger Luft schlug Nicklas entgegen, als sich die verzogene Holztür des Häuschens mit einem quälend langen Quietschen ein Stück weiter von selbst öffnete. Das Kratzen im Inneren des Hauses wurde schneller, hektischer. Gleichzeitig schienen die flüsternden Gestalten aus den Büschen näher zu kommen. Das Zischeln schwoll an, bis es Nicklas direkt im Nacken zu sitzen schien: „Komm doch... Es ist Zeit... Komm doch...“

Als eine Hand nach seiner Schulter zu greifen schien, riss sich Nicklas aus seiner Starre. Er wirbelte herum und rannte los. Die Dornen der Rosenbüsche rissen an seiner Kleidung, die Äste der Bäume schlugen nach seinem Gesicht, als wollten sie ihn festhalten. Er keuchte und stolperte. Plötzlich spürte er etwas Feuchtes, in seinem Gesicht. Etwas Haariges streifte seine Wange. Mit letzter Kraft wollte er dieses feuchte, haarige Etwas aus seinem Gesicht wischen. Doch er konnte sich nicht bewegen. Völlig außer Atem dreht er sich um und reißt die Augen auf.


Es war Stella, die ihn so unsanft aus seinem Albtraum erlöst hatte. Es war vollkommen still. Kein Flüstern, kein Kratzen. Nur Stella, die ihn aus treuen Hundeaugen anschaute, und Melinda, seine Frau, die ihn an der Schulter rüttelte, waren da. Beide beugten sich über ihn, Melinda lachte: „Komm doch, steh endlich auf, du Langschläfer, komm.“ Sie gab ihm noch einen Schubs. „Es ist Zeit.“ Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, rieb Nicklas sich die Augen und erhob sich aus dem Bett. Aus der Küche nahm er den Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee wahr und freute sich auf die erste, heiße Tasse. 

~*~*~*~

Wenn Wahres Traum ist, kann der Traum das Wahre sein.

Johann Wolfgang von Goethe  (* 1749 ; † 1832)
war ein deutscher Dichter und Naturforscher. 

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Freitag, 17. Juli 2026

Die Nebelfahrt der Aurelia

Wie gut, dass ich noch einige alte Geschichten in der Schublade habe,
denn ich komme nicht jeden Tag dazu, eine neue zu schreiben ;o)). 

~*~*~*~

Die Aurelia war kein großes Segelschiff. Eher ein alter, hölzerner Küstenkreuzer, der schon viele Jahre auf dem Buckel hatte. Die Planken waren dunkel vom Salz, und nachts knarrte das Holz, als würde es im Schlaf sprechen. Teile der Segel waren zerrissen. Genau das war es, was die kleine Reisegruppe schon am ersten Abend irritierte.


Es waren nur sechs Passagiere an Bord – jede und jeder mit einem eigenen Grund, diese seltsame „Themenreise“ zu buchen, die in der Anzeige nur mit einem Satz beworben worden war: „Eine Fahrt ins Ungewisse – für jene, die Antworten suchen.“

Elin, eine Botanikerin, die immer ein kleines Notizbuch bei sich trug.
Marek, ein schweigsamer Uhrmacher mit einem Gesicht, das aussah, als hätte er zu viel Zeit gesehen.
Sofia, eine junge Frau, die ständig Fotos machte – aber nie von Menschen, nur von Schatten.
Dr. Halberg, ein Historiker, der sich für alte Seefahrtslegenden interessierte.
Jonas, ein Musiker, der nachts auf dem Deck leise Melodien spielte, die niemand kannte.
Und die Kapitänin, eine Frau namens Runa, deren Augen so hell waren, dass man nie wusste, ob sie einen ansah oder durch einen hindurch.

Schon früh zog Nebel auf. Der Nebel kam plötzlich. Wie ein Vorhang, der sich über das Meer legte. Die Aurelia fuhr langsamer, und die Geräusche wurden seltsam gedämpft. In dieser Nacht hörten alle zum ersten Mal das Flüstern. Es war kein Wind. Kein Tier. Kein Mensch. Es klang wie Stimmen, die aus dem Holz selbst kamen – als würde das Schiff Erinnerungen murmeln. Sofia lief über das Deck und blieb abrupt stehen. „Habt ihr das gehört?“ flüsterte sie.
Jonas nickte. „Es klingt, als würde jemand unter uns sprechen.“
Runa, die Kapitänin, trat aus dem Schatten.
„Ihr hört nur das Meer“, sagte sie ruhig.
Aber ihre Stimme war zu schnell, zu glatt. Und niemand glaubte ihr.

Am nächsten Morgen fehlte etwas. Nicht ein Mensch – sondern ein Gegenstand. Der alte Kompass, der im Salon unter Glas lag, war verschwunden. Ein Kompass, von dem Dr. Halberg am Vorabend erzählt hatte, er sei „verflucht“ oder „gesegnet“, je nachdem, wer die Geschichte erzählte. „Er zeigt nicht Norden“, hatte Halberg gesagt. „Er zeigt das, was man sucht.“ Nun war er weg. Runa behauptete, sie habe ihn nie angerührt. Marek, der Uhrmacher, schwieg wie immer. Sofia zeigte ein Foto, das sie am Abend gemacht hatte – und darauf war der Kompass noch da. Doch hinter dem Glas, im Spiegel des Rahmens, war etwas zu sehen: Ein undeutlicher Schatten, der sich über den Kompass beugte. Nicht menschlich. Zu groß. Zu schmal. Zu… fließend.

In der zweiten Nacht wurde der Nebel dichter. Die Stimmen lauter. Elin schrieb in ihr Notizbuch: „Das Schiff erinnert sich. Aber an was?“
Jonas spielte eine Melodie, die er nicht kannte, und die Passagiere spürten, wie sich die Luft veränderte – als würde das Schiff zuhören. Dann, kurz nach Mitternacht, hörten sie Schritte unter dem Deck. Langsam. Schleppend. Wie jemand, der nicht gehen, sondern gleiten musste.
Runa lief hinunter. Niemand folgte ihr. Nach einer langen Minute kam sie zurück – bleich, aber gefasst. „Da ist niemand“, sagte sie. Doch ihre Hände zitterten.

Am dritten Tag tauchte der Kompass wieder auf. Auf dem Deck. Mitten im Nebel. Als hätte ihn jemand dort hingelegt. Aber die Nadel drehte sich nicht. Sie zeigte starr in eine Richtung – hinaus ins Weiß.
„Was ist dort?“ fragte Sofia.
Runa antwortete nicht. Sie stellte sich ans Steuer und folgte der Richtung. Die Aurelia fuhr in den Nebel hinein, und die Stimmen wurden klarer. Nicht bedrohlich. Eher… suchend. Dann hörten sie einen Satz, ganz deutlich, aus dem Holz, aus dem Nebel, aus der Tiefe: „Bringt uns heim.“

Dr. Halberg fand die Erklärung später in einem alten Logbuch, das im Maschinenraum versteckt war. Die Aurelia war einst ein Schiff, das Menschen transportierte, die nie ankamen.
Nicht durch Gewalt – sondern durch einen Sturm, der sie verschluckte. Ihre Stimmen waren nie verstummt. Sie suchten nur jemanden, der ihnen den Weg zeigte. Der Kompass zeigte nicht Norden. Er zeigte Sehnsucht. Und als die Aurelia dem Nebel folgte, öffnete sich plötzlich die Sicht – und vor ihnen lag eine kleine, vergessene Insel, auf der ein altes Wrack stand. Das Wrack der ersten Aurelia. Die Stimmen verstummten. Der Nebel löste sich. Das Schiff knarrte nicht mehr. Es war, als hätte es endlich Frieden gefunden.

Die Passagiere verließen die Insel später mit einem anderen Schiff. Die Aurelia blieb dort – still, ruhig, wie ein Tier, das sich endlich schlafen legen durfte. Und niemand sprach je wieder über die Stimmen. Aber jede und jeder von ihnen wusste: Manchmal sucht nicht der Mensch nach Antworten. Manchmal sucht die Antwort nach dem Menschen.

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„Wenn du denkst, Abenteuer sind gefährlich,
versuch's mal mit Routine. Die ist tödlich“

Paulo Coelho (* 1947)
ist ein brasilianischer Schriftsteller und Bestsellerautor

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Montag, 13. Juli 2026

Die Fahrt in die Freiheit

Das Wetter ist tatsächlich wider Erwarten schön geworden. So schön, dass ich es mit Worten kaum beschreiben kann. Ich werde mich natürlich hüten, das herrliche Sommersonnenweißewölkchenwetter auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Der Kreislauf befindet sich auch wieder im Wohlfühl-Modus, worüber ich ganz besonders froh bin. Und so habe ich nach meinen obligatorischen Mittagsruhezeiten auf der Terrasse den Laptop eingeschaltet, um an weiteren neuen Kurzgeschichten zu basteln. Gerne kann dieses schöne Sommerwetter noch eine Weile anhalten. Die Temperatur so um die 30 Grad ist gut zu ertragen. Dazu weht ein angenehmer, lauer Sommerwind. Also ein traumhaftes Sommerwetter,  aber darüber schweige ich natürlich, sonst stellt sich dieses unerträgliche Stillstandswetter wieder ein, und darauf kann ich gerne verzichten. Also los geht’s mit der Fahrt in die Freiheit:

An einem stillen, mondbeschienenen See sitzt die zwanzigjährige Julia nachdenklich auf einem Steg. Sie fühlt sich von den Erwartungen ihrer Familie und der Gesellschaft, ihrem Studium und den Zwängen des Lebens erdrückt. Sie sehnt sich nach Freiheit und glaubt, diese bedeute vor allem die Abwesenheit aller Grenzen. „Ich will einfach nur frei sein“, sagt sie in die Dunkelheit hinein.


Ein alter Philosophieprofessor, der von einem Spaziergang auf dem Weg nach Hause war, hörte diese Worte und trat auf den Steg neben die junge Frau: „Ein schöner Wunsch. Und wovon möchtest du frei sein? Von diesem Steg? Von der Nacht? Von dem Gewicht in deinem Kopf? Von den Menschen um dich herum oder von der Angst in dir?“, fragte er ruhig.
„Von allem! Von den Plänen, die meine Eltern für mich haben. Von der Uni. Von dieser ständigen Pflicht, irgendwer sein zu müssen. Ich will einfach rennen, ohne dass mich jemand aufhält. Gehen Sie weg, lassen Sie mich alleine. Ich will einfach nur frei sein. Nur für fünf Minuten.“ Sie war überzeugt, Freiheit bedeute, alle Grenzen hinter sich zu lassen.
Doch der alte Philosophieprofessor, der sich als Daniel vorgestellt hatte, widerspricht. „Ein Leben ohne jede Grenze ist wie ein See ohne Ufer“, erklärt er. „Er verliert seine Form. Du sprichst von der negativen Freiheit. Die Freiheit von etwas. Ein leerer Käfig ist auch frei von Gittern. Aber er bleibt leer. Wenn du alle Stricke durchschneidest, fliegen sie nicht. Sie treiben im Vakuum.“
„Besser im Vakuum zu treiben, als eingesperrt zu sein!“, erwiderte Julia.
„Das ist ein Irrtum. Jean-Paul Sartre sagte einmal, wir sind zur Freiheit verdammt. Nehmen wir an, du schmeißt morgen alles hin. Keine Familie mehr, keine Uni, keine Regeln. Was tust du am nächsten Morgen um acht Uhr?
Julia schaute auf das dunkle Wasser: „Ich... ich weiß es nicht. Das, was ich will.“
„Und genau da beginnt die echte, die positive Freiheit. Die Freiheit zu etwas. Sie ist kein Zustand des Ausbruchs. Sie ist eine schwere Aufgabe. Wenn dir niemand mehr sagt, was du tun sollst, musst du die Leere selbst füllen. Du bist dann plötzlich radikal verantwortlich für jeden einzelnen Schritt. Viele Menschen halten diese Freiheit gar nicht aus. Sie flüchten lieber zurück in die Zwänge, weil Zwänge so schön bequem die Schuld übernehmen, wenn das Leben scheitert. Sie wälzen die Verantwortung für ihr Leben auf andere Menschen oder die Gesellschaft ab.“
„Das klingt deprimierend. Freiheit soll sich doch leicht anfühlen, nicht wie eine Last. Dann ist Freiheit also gar nicht grenzenlos?“


 „Nein“, sagte Daniel lächelnd und ging ein paar Schritte auf die junge Frau zu. „Freiheit bedeutet, selbst zu wählen, welche Verantwortung man tragen will. Freiheit ist das schwerste Gut der Welt, weil sie untrennbar mit Verantwortung verknüpft ist. Schau auf diesen See. Er ist frei, sich auszubreiten. Aber erst das Ufer gibt ihm seine Form, macht ihn zum See und verhindert, dass er im Boden versickert und verschwindet.
„Also muss ich meine Grenzen akzeptieren? Das ist doch das Gegenteil von Freiheit!“ Sie wandte sich Daniel zu.
Er lächelte milde: „Nein. Freiheit bedeutet nicht, keine Grenzen zu haben. Freiheit bedeutet, die Grenzen zu wählen, für die man bereit ist, die Verantwortung zu tragen. Du kannst die Erwartungen deiner Eltern erfüllen – oder du wählst das Risiko, deinen eigenen Weg zu gehen und mit den Konsequenzen zu leben. Beides sind freie Entscheidungen. Gefangen bist du nur, wenn du so tust, als hättest du keine Wahl.“
„Ich habe also immer eine Wahl. Selbst wenn sie wehtut.“
„Genau das ist das Geheimnis. Du bist bereits frei. Du musst nicht weglaufen, um es zu werden. Du musst nur anfangen, mutig zu wählen.“

Die Worte begleiten Julia noch lange. Einige Wochen später steht sie mit einem Koffer auf dem verregneten Bahnhof. Sie hat sich gegen das von ihren Eltern gewünschte Medizinstudium entschieden und wagt einen Neuanfang in London, um ihren eigenen Weg zu gehen. Doch statt Befreiung spürt sie Angst, Einsamkeit und Zweifel. Ihre Eltern haben ihr die Unterstützung entzogen, und die Zukunft erscheint unsicher. Kurz vor der Abfahrt überkommen sie Zweifel.
Zu ihrer großen Überraschung trifft sie Daniel zufällig auf dem Bahnsteig wieder. Er ist über das unverhoffte Treffen ebenfalls erstaunt. Daniel schaut auf den Koffer. Ein Koffer, der Abschied atmet.
Julia erzählte ihm von ihrem Vorhaben, den plötzlichen Zweifeln und der Angst vor der Einsamkeit, und dass sie statt Befreiung eine zunehmende Unsicherheit spürte.
„Du hast also die Stricke durchschnitten“, stellte Daniel fest und deutete auf den Koffer.
„Es sieht so aus“, antwortete sie ein wenig verlegen. „Jetzt stehe ich hier. Dieses Ticket bringt mich in eine WG nach London. Ich kenne dort niemanden. Ich habe kaum Ersparnisse. Auf dem Steg klang das alles so romantisch. Jetzt fühle ich mich einfach nur verloren. Und verdammt einsam.“
»Willkommen in der Wirklichkeit der Freiheit. Was du jetzt spürst, ist genau das, was Sartre meinte. Die Angst vor der totalen Offenheit des Lebens. Wenn das Sicherheitsnetz weg ist, spürt man erst den Wind.«
„Was, wenn ich scheitere?“, fragt sie.
„Das kann passieren“, antwortet er. „Aber zum ersten Mal wird es dein eigener Weg sein.“
„Ich habe Angst.“
„Das gehört dazu. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst einzusteigen. Freiheit bietet niemals eine Garantie für Erfolg. Wer sein Leben selbst gestaltet, übernimmt auch die Verantwortung für mögliche Fehler und Rückschläge. Dennoch ist es wertvoller, das eigene Leben zu schreiben, als nach den Vorstellungen anderer zu leben. Mut bedeutet, trotz der Angst einzusteigen. Vor einem Monat warst du unglücklich, weil andere dein Buch geschrieben haben. Jetzt hältst du die Feder selbst in der Hand. Die erste Seite ist tintenverschmiert und voller Angst – aber es ist deine Tinte. Ist dir bewusst, wie viele Menschen sterben, ohne jemals eine einzige eigene Zeile  geschrieben zu haben?“

Als der Zug einfährt, steht Julia vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe. Zwischen der Sicherheit des Bekannten und der Unsicherheit der Zukunft entscheidet sie sich für den Aufbruch und beginnt ihre Reise in ein selbstbestimmtes Leben. Julia blickt auf die offene Waggontüre, atmet tief durch und greift nach ihrem Koffer. Mit neuem Mut steigt sie ein und beginnt ihre Reise in eine selbstbestimmte Zukunft.
„Danke, Daniel.“
Der alte Professor nickte: „Verrätst du mir noch deinen Namen?“
„Julia.“
„Geh nicht fort, um etwas zu verlassen, Julia. Geh los, um etwas zu finden.“ 
Mit einem letzten Lächeln steigt Julia in den Zug. Während der Zug in der Ferne verschwindet, bleibt Daniel auf dem Bahnsteig zurück. Er weiß, dass Freiheit nicht mit einem einzigen Schritt erreicht wird, sondern mit dem Mut, jeden Tag aufs Neue Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Während der Zug sich in Bewegung setzt und die Landschaft langsam am Fenster vorbeizieht, begreift Julia, dass Freiheit kein Ziel ist, sondern eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen werden muss.


Am selben Abend sitzt Daniel entspannt auf der Veranda, und während er seinen Blick über den See schweifen lässt, kommen ihm  Rousseau's Worte in den Sinn:

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,
dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss,
was er nicht will.“

Unweigerlich muss er an Julia denken, die sich gerade auf der Fahrt in die Freiheit befindet.

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Obiges Zitat zur Freiheit von:
Jean-Jacques Rousseau (* 1712 ; † 1778)
war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge

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 „Wer seinen Träumen nicht entgegengeht,
dem kommt nur Alltägliches entgegen.“

Ernst Ferstl (*1955)
ist ein österreichischer  Lehrer und Schriftsteller

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PS: Vorgestern habe ich mir den Film »Maudie« noch einmal angesehen, weil er nur noch
wenige Tage in der ARD-Mediathek zur Verfügung steht. Was für ein berührendesSchicksal !
Unglaublich, wie das Leben so spielt, denn der Film beruht auf einer wahren Begebenheit.

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