Das Wetter ist tatsächlich wider Erwarten schön geworden. So schön, dass ich es mit Worten kaum beschreiben kann. Ich werde mich natürlich hüten, das herrliche Sommersonnenweißewölkchenwetter auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Der Kreislauf befindet sich auch wieder im Wohlfühl-Modus, worüber ich ganz besonders froh bin. Und so habe ich nach meinen obligatorischen Mittagsruhezeiten auf der Terrasse den Laptop eingeschaltet, um an weiteren neuen Kurzgeschichten zu basteln. Gerne kann dieses schöne Sommerwetter noch eine Weile anhalten. Die Temperatur so um die 30 Grad ist gut zu ertragen. Dazu weht ein angenehmer, lauer Sommerwind. Also ein traumhaftes Sommerwetter, aber darüber schweige ich natürlich, sonst stellt sich dieses unerträgliche Stillstandswetter wieder ein, und darauf kann ich gerne verzichten. Also los geht’s mit der Fahrt in die Freiheit:
An einem stillen, mondbeschienenen See sitzt die zwanzigjährige Julia nachdenklich auf einem Steg. Sie fühlt sich von den Erwartungen ihrer Familie und der Gesellschaft, ihrem Studium und den Zwängen des Lebens erdrückt. Sie sehnt sich nach Freiheit und glaubt, diese bedeute vor allem die Abwesenheit aller Grenzen. „Ich will einfach nur frei sein“, sagt sie in die Dunkelheit hinein.
Ein alter Philosophieprofessor, der von einem Spaziergang auf dem Weg nach Hause war, hörte diese Worte und trat auf den Steg neben die junge Frau: „Ein schöner Wunsch. Und wovon möchtest du frei sein? Von diesem Steg? Von der Nacht? Von dem Gewicht in deinem Kopf? Von den Menschen um dich herum oder von der Angst in dir?“, fragte er ruhig.
„Von allem! Von den Plänen, die meine Eltern für mich haben. Von der Uni. Von dieser ständigen Pflicht, irgendwer sein zu müssen. Ich will einfach rennen, ohne dass mich jemand aufhält. Gehen Sie weg, lassen Sie mich alleine. Ich will einfach nur frei sein. Nur für fünf Minuten.“ Sie war überzeugt, Freiheit bedeute, alle Grenzen hinter sich zu lassen.
Doch der alte Philosophieprofessor, der sich als Daniel vorgestellt hatte, widerspricht. „Ein Leben ohne jede Grenze ist wie ein See ohne Ufer“, erklärt er. „Er verliert seine Form. Du sprichst von der negativen Freiheit. Die Freiheit von etwas. Ein leerer Käfig ist auch frei von Gittern. Aber er bleibt leer. Wenn du alle Stricke durchschneidest, fliegen sie nicht. Sie treiben im Vakuum.“
„Besser im Vakuum zu treiben, als eingesperrt zu sein!“, erwiderte Julia.
„Das ist ein Irrtum. Jean-Paul Sartre sagte einmal, wir sind zur Freiheit verdammt. Nehmen wir an, du schmeißt morgen alles hin. Keine Familie mehr, keine Uni, keine Regeln. Was tust du am nächsten Morgen um acht Uhr?
Julia schaute auf das dunkle Wasser: „Ich... ich weiß es nicht. Das, was ich will.“
„Und genau da beginnt die echte, die positive Freiheit. Die Freiheit zu etwas. Sie ist kein Zustand des Ausbruchs. Sie ist eine schwere Aufgabe. Wenn dir niemand mehr sagt, was du tun sollst, musst du die Leere selbst füllen. Du bist dann plötzlich radikal verantwortlich für jeden einzelnen Schritt. Viele Menschen halten diese Freiheit gar nicht aus. Sie flüchten lieber zurück in die Zwänge, weil Zwänge so schön bequem die Schuld übernehmen, wenn das Leben scheitert. Sie wälzen die Verantwortung für ihr Leben auf andere Menschen oder die Gesellschaft ab.“
„Das klingt deprimierend. Freiheit soll sich doch leicht anfühlen, nicht wie eine Last. Dann ist Freiheit also gar nicht grenzenlos?“
„Nein“, sagte Daniel lächelnd und ging ein paar Schritte auf die junge Frau zu. „Freiheit bedeutet, selbst zu wählen, welche Verantwortung man tragen will. Freiheit ist das schwerste Gut der Welt, weil sie untrennbar mit Verantwortung verknüpft ist. Schau auf diesen See. Er ist frei, sich auszubreiten. Aber erst das Ufer gibt ihm seine Form, macht ihn zum See und verhindert, dass er im Boden versickert und verschwindet.
„Also muss ich meine Grenzen akzeptieren? Das ist doch das Gegenteil von Freiheit!“ Sie wandte sich Daniel zu.
Er lächelte milde: „Nein. Freiheit bedeutet nicht, keine Grenzen zu haben. Freiheit bedeutet, die Grenzen zu wählen, für die man bereit ist, die Verantwortung zu tragen. Du kannst die Erwartungen deiner Eltern erfüllen – oder du wählst das Risiko, deinen eigenen Weg zu gehen und mit den Konsequenzen zu leben. Beides sind freie Entscheidungen. Gefangen bist du nur, wenn du so tust, als hättest du keine Wahl.“
„Ich habe also immer eine Wahl. Selbst wenn sie wehtut.“
„Genau das ist das Geheimnis. Du bist bereits frei. Du musst nicht weglaufen, um es zu werden. Du musst nur anfangen, mutig zu wählen.“
Die Worte begleiten Julia noch lange. Einige Wochen später steht sie mit einem Koffer auf dem verregneten Bahnhof. Sie hat sich gegen das von ihren Eltern gewünschte Medizinstudium entschieden und wagt einen Neuanfang in London, um ihren eigenen Weg zu gehen. Doch statt Befreiung spürt sie Angst, Einsamkeit und Zweifel. Ihre Eltern haben ihr die Unterstützung entzogen, und die Zukunft erscheint unsicher. Kurz vor der Abfahrt überkommen sie Zweifel.
Zu ihrer großen Überraschung trifft sie Daniel zufällig auf dem Bahnsteig wieder. Er ist über das unverhoffte Treffen ebenfalls erstaunt. Daniel schaut auf den Koffer. Ein Koffer, der Abschied atmet.
Julia erzählte ihm von ihrem Vorhaben, den plötzlichen Zweifeln und der Angst vor der Einsamkeit, und dass sie statt Befreiung eine zunehmende Unsicherheit spürte.
„Du hast also die Stricke durchschnitten“, stellte Daniel fest und deutete auf den Koffer.
„Es sieht so aus“, antwortete sie ein wenig verlegen. „Jetzt stehe ich hier. Dieses Ticket bringt mich in eine WG nach London. Ich kenne dort niemanden. Ich habe kaum Ersparnisse. Auf dem Steg klang das alles so romantisch. Jetzt fühle ich mich einfach nur verloren. Und verdammt einsam.“
»Willkommen in der Wirklichkeit der Freiheit. Was du jetzt spürst, ist genau das, was Sartre meinte. Die Angst vor der totalen Offenheit des Lebens. Wenn das Sicherheitsnetz weg ist, spürt man erst den Wind.«
„Was, wenn ich scheitere?“, fragt sie.
„Das kann passieren“, antwortet er. „Aber zum ersten Mal wird es dein eigener Weg sein.“
„Ich habe Angst.“
„Das gehört dazu. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst einzusteigen. Freiheit bietet niemals eine Garantie für Erfolg. Wer sein Leben selbst gestaltet, übernimmt auch die Verantwortung für mögliche Fehler und Rückschläge. Dennoch ist es wertvoller, das eigene Leben zu schreiben, als nach den Vorstellungen anderer zu leben. Mut bedeutet, trotz der Angst einzusteigen. Vor einem Monat warst du unglücklich, weil andere dein Buch geschrieben haben. Jetzt hältst du die Feder selbst in der Hand. Die erste Seite ist tintenverschmiert und voller Angst – aber es ist deine Tinte. Ist dir bewusst, wie viele Menschen sterben, ohne jemals eine einzige eigene Zeile geschrieben zu haben?“
Als der Zug einfährt, steht Julia vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe. Zwischen der Sicherheit des Bekannten und der Unsicherheit der Zukunft entscheidet sie sich für den Aufbruch und beginnt ihre Reise in ein selbstbestimmtes Leben. Julia blickt auf die offene Waggontüre, atmet tief durch und greift nach ihrem Koffer. Mit neuem Mut steigt sie ein und beginnt ihre Reise in eine selbstbestimmte Zukunft.
„Danke, Daniel.“
Der alte Professor nickte: „Verrätst du mir noch deinen Namen?“
„Julia.“
„Geh nicht fort, um etwas zu verlassen, Julia. Geh los, um etwas zu finden.“
Mit einem letzten Lächeln steigt Julia in den Zug. Während der Zug in der Ferne verschwindet, bleibt Daniel auf dem Bahnsteig zurück. Er weiß, dass Freiheit nicht mit einem einzigen Schritt erreicht wird, sondern mit dem Mut, jeden Tag aufs Neue Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Während der Zug sich in Bewegung setzt und die Landschaft langsam am Fenster vorbeizieht, begreift Julia, dass Freiheit kein Ziel ist, sondern eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen werden muss.
Am selben Abend sitzt Daniel entspannt auf der Veranda, und während er seinen Blick über den See schweifen lässt, kommen ihm Rousseau's Worte in den Sinn:
„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,
dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss,
was er nicht will.“
dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss,
was er nicht will.“
Unweigerlich muss er an Julia denken, die sich gerade auf der Fahrt in die Freiheit befindet.
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Obiges Zitat zur Freiheit von:
Jean-Jacques Rousseau (* 1712 ; † 1778)
war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge
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„Wer seinen Träumen nicht entgegengeht,
dem kommt nur Alltägliches entgegen.“
Ernst Ferstl (*1955)
ist ein österreichischer Lehrer und Schriftsteller
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PS: Vorgestern habe ich mir den Film »Maudie« noch einmal angesehen, weil er nur noch
wenige Tage in der ARD-Mediathek zur Verfügung steht. Was für ein Schicksal ! Unglaub-
lich, wie das Leben so spielt, denn der Film beruht auf einer wahren Begebenheit.
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🌟Bilder und Clip mit KI erstellt by Lauras Home and Garden🌟




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