Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus;
wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.
Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal.
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
„Herr Wirt, eine Kanne, eine Kanne blanken Wein!“
Ergreife die Fiedel, du lust’ger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.
Und find ich keine Herberg, so lieg ich zu Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.
O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust,
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!
Emanuel Geibel (*1815 ; †1884)
war ein deutscher Lyriker
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Der Mai ist zwar schon über eine Woche alt, und auch die Bäume sind längst
ausgeschlagen, die Freude darüber währt allerdings immer noch. Wie oft haben
wir als Kinder dieses schöne, alte Lied von Emanuel Geibel gesungen. Das ge-
hörte einfach damals zur Kindheit dazu. Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ich
mich immer wieder gerne an die Kindheit erinnere. Diese Zeit damals war ein-
fach zu schön. Wir sind so unbeschwert und unbekümmert aufgewachsen. Das
Leben für uns Kinder war reine Lebensfreude.
Das ist auch heute noch ein Grund, dankbar und demütig zu sein. Unsere Eltern
haben trotz der schlechten Verhältnisse, die nach dem Krieg herrschten, immer
dafür gesorgt, dass es uns an nichts mangelte. Auch wenn – aus heutiger Sicht -,
vieles improvisiert werden musste. Als Kinder haben wir natürlich nicht wahr-
genommen, dass vieles improvisiert werden musste. Wir kannten es nicht anders.
Heute weiß ich umso mehr zu schätzen, in welch liebevoller Geborgenheit wir
Kinder, mein Bruder und ich, damals aufwachsen durften. Selbstverständlich
war das keineswegs.
Denn es heißt nicht umsonst: »Die Kindheit prägt fürs Leben.« Und das tut sie
tatsächlich. Es ist die Lebensfreude, die Freude über die kleinen Dinge, die da-
mals so prägend war.
Heute werden so viele Dinge als selbstverständlich angesehen und der Wert all
dessen, was Kinder heute haben wollen oder müssen, wie das neueste Handy,
das trendy Marken-Sweatshirt, die Markensneakers, nicht mehr geschätzt. Für
die meisten Kinder gehört der Konsum heutzutage zum alltäglichen Leben.
Sie werden schon in jungen Jahren durch entsprechende Werbung manipuliert.
Zudem wachsen Kinder in unsicheren Zeiten auf. In Zeiten, in denen sich so
schnell alles verändert hat. Ständig wird von Kriegsgefahr berichtet, vom zu-
nehmenden kriminellen Geschehen im Land. Eine Katastrophe scheint der
nächsten zu folgen. Umwelt, Klima, Krieg, dann war da Corona, die Armut
im Land nimmt zu und die Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig.
Wie sollen Kinder und Jugendliche in diesen unruhigen Zeiten unbeschwert
aufwachsen? Sie werden außerdem von den Social-Medien beeinflusst und
das oft in negativer Art und Weise. Sie lassen in der Schule nach, weil die
Bildung im Land vernachlässigt wird. Und nicht nur die, sondern die Schulen
gleich mit.
Gerade weil ich sehe, unter welchen Zuständen die Kinder heutzutage aufwachsen,
umso mehr weiß ich zu schätzen, wie gut es uns als Kinder, trotz der schlechten
Nachkriegsjahre in diesem Land ging.
Ja, und das Lied »Der Mai ist gekommen« singe ich sogar heute noch manch-
mal leise vor mich hin – einfach weil die Erinnerung an die damalige Zeit so
schön ist.
Gestern war so ein wunderbarer Maienwonnegartentag, den wir draußen ver-
bracht und überwiegend gefaulenzt haben. Heute dagegen macht der Wonne-
monat seinem Ruf allerdings keine Ehre. Denn es soll in dieser Woche jeden
Tag regnen. Sonnenschein und Wärme machen sich rar. Das ist allerdings kein
Wunder, da die Eisheiligen jetzt Einzug halten, die da wären:
11. Mai (Montag) Mamertus
12. Mai (Dienstag): Pankratius
13. Mai (Mittwoch): Servatius
14. Mai (Donnerstag): Bonifatius
15. Mai (Freitag): Sophia (»Kalte Sophie«).
Solange sie uns nur Regen bescheren und keinen Frost, soll es mir recht sein,
da ich Landregentage eh so gerne mag. Insofern:
Herzlich willkommen, ihr Eisheiligen!
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Ein Haiku:
Der Mai hält Einzug.
Es grünt und blüht die Natur.
Die Vögel singen.
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