Angus van Dyck saß auf dem Achterdeck seiner Yacht, der Eterynia, während die Sonne über der Amalfiküste im Meer versank. Er nippte an einem Wein, doch der Geschmack blieb aschfahl auf seiner Zunge. Er war 74 Jahre alt. Seine Frau, Elena, war 35 und spielte am Bug mit ihren gemeinsamen Söhnen. Ihr Lachen klang wie ferne Musik – schön, aber unerreichbar.
Angus besaß alles, Villen in fünf Zeitzonen, einen Fuhrpark in Schwarz und Chrom und Jets, die die Erdkrümmung ignorierten. Doch er besaß keine Zeit. Die Angst, dieses Herrschaftsreich aus Luxus, Gold und Marmor verlassen zu müssen, nagte an ihm.
Angus investierte Milliarden in ein privates Forschungslabor in den Schweizer Alpen. Sein Auftrag an die besten Genetiker und Kybernetiker der Welt war simpel: „Ich will nicht sterben. Ich will sehen, wie meine Söhne das Erbe antreten – und ich will dabei nicht alt sein.“
Nach Jahren der Forschung präsentierten sie ihm die Lösung. Eine Kombination aus Telomere-Verlängerung und einem System aus Nanobots, die seinen Körper von innen heraus ständig reparierten. Es war kein bloßes Aufhalten des Alterns, es war eine biologische Umkehr.
Die Behandlung schlug an. Innerhalb weniger Monate verschwanden Angus’ Falten. Seine Gelenke wurden geschmeidig, sein Geist scharf wie ein Skalpell. Er fühlte sich wie dreißig. Doch während er in der Zeit einfror, lief sie für den Rest der Welt weiter.
Die erste Entfremdung war, dass Elena alterte. Bei ihr hat diese Kombination nicht gewirkt. Während er jeden Morgen mit der Energie eines jungen Gottes aufwachte, sah er bei ihr die ersten silbernen Fäden im Haar. Er liebte sie, doch er blickte auf sie herab wie ein unsterbliches Wesen auf eine Eintagsfliege.
Seine Söhne wurden Männer. Sie blickten ihren Vater nicht mehr mit Bewunderung an, sondern mit Furcht. Er sah aus wie ihr Bruder, besaß aber die Autorität eines Patriarchen, der niemals weichen würde. Sie warteten nicht auf ihr Erbe. Sie fühlten sich von der Unvergänglichkeit ihres Vaters erdrückt.
Fünfzig Jahre später war Angus äußerlich immer noch ein Mann in den besten Jahren. Doch er lebte in einem Mausoleum aus Erinnerungen. Elena war längst verstorben. Seine Söhne waren nun alte Männer, deren Hände zitterten, wenn sie ihren »jungen« Vater besuchten.
Das Schlimmste aber war die Welt selbst. Der Luxus, für den er so hart gekämpft hatte, langweilte ihn zu Tode. Er hatte jedes Land besucht, jedes Kunstwerk gesehen, jeden Wein verkostet. Die Nanobots in seinem Blut verhinderten sogar den Rausch, da sie Alkohol sofort als Gift neutralisierten. Er konnte keinen Schmerz empfinden, aber auch keine wahre Freude mehr.
Eines Abends stand Angus wieder auf der Eterynia. Die Yacht war inzwischen ein technologisches Relikt, genau wie er selbst. Er blickte in den Spiegel und sah ein Gesicht, das seit einem halben Jahrhundert keine Veränderung erfahren hatte. Es war eine Maske aus Fleisch.
Er begriff: Luxus definiert sich durch Kostbarkeit, und Kostbarkeit entsteht durch Endlichkeit. Ein Diamant ist wertvoll, weil er selten ist; ein Leben ist wertvoll, weil es ein Ende hat.
Angus rief seine leitende Wissenschaftlerin. „Schalten Sie die Nanobots ab“, befahl er. „Aber Herr van Dyck“, stammelte sie, „der biologische Schock... Ihr Körper wird die versäumten Jahrzehnte in wenigen Tagen nachholen.“
Angus lächelte zum ersten Mal seit Jahren aufrichtig. „Ich weiß. Ich möchte endlich sehen, wie der Sonnenuntergang aussieht, wenn man weiß, dass es der letzte sein könnte.“
Angus verbrachte seine letzten Tage damit, seinen Enkeln Geschichten zu erzählen. Er sah zu, wie seine Haut faltig wurde und sein Haar weiß. Es war ein schmerzhafter Prozess, aber er fühlte sich zum ersten Mal wieder lebendig. Er starb friedlich in einem Sessel mit Blick auf das Meer – nicht als Gott in einem goldenen Gefängnis, sondern als Mensch, der seinen Platz im Kreislauf der Welt wiedergefunden hatte.
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Viele möchten leben, ohne zu altern,
und sie altern in Wirklichkeit, ohne zu leben.
Alexander Mitscherlich (* 1908 ; † 1982)
war ein deutscher Arzt, Psychoanalytiker,
Hochschullehrer und Schriftsteller
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Ein Haiku























