Als das Kloster Sankt Gabriel vor fast vierhundert Jahren auf einem felsigen Höhenzug erbaut wurde, hieß es, die Mönche hätten den Ort nicht wegen seiner Schönheit gewählt. Vielmehr glaubten sie, dass sich dort oben Himmel und Erde näher seien als anderswo. Seit Jahrhunderten lebten dort nur wenige Brüder. Ihr Alltag verlief nach festen Regeln: Beten, Arbeiten, Schweigen. Die Mauern waren dick, die Gänge lang und kühl. Selbst an Sommertagen schien die Zeit zwischen den alten Steinen langsamer zu vergehen.
Eines regnerischen Herbstabends traf Bruder Lukas ein. Er war erst seit wenigen Monaten im Kloster und kümmerte sich um die umfangreiche Bibliothek. Sein freundliches Wesen machte ihn schnell beliebt. Vor allem Abt Benedikt erkannte seine außergewöhnliche Begabung für alte Handschriften. In der Bibliothek befand sich der größte Schatz des Klosters. Ein mittelalterliches Manuskript, dessen Herkunft niemand genau kannte. Es war mit kunstvollen Illustrationen versehen und seit Generationen unter Verschluss. Nur der Abt besaß den eisernen Schlüssel zur Truhe.
Eines Tages erschien Professor Konrad Weiss, ein Historiker aus der Stadt. Er wollte das Manuskript wissenschaftlich untersuchen. Nach langem Zögern stimmte der Abt zu. Drei Tage lang arbeitete der Professor schweigend zwischen den hohen Bücherregalen.
Am Abend vor seiner Abreise läuteten die Glocken ungewöhnlich lange. Die Brüder versammelten sich zum Nachtgebet. Nur Professor Weiss fehlte. Man fand ihn wenig später in der alten Skriptoriumskammer. Er saß auf einem hölzernen Stuhl, den Kopf auf den Schreibtisch gesunken. Vor ihm lag das geöffnete Manuskript. Der Professor war tot. Es gab keine Wunde. Keinen Kampf. Nur ein halb gefülltes Glas Rotwein und ein einzelnes Blatt Pergament, auf das jemand mit dunkler Tinte geschrieben hatte:
»Nicht jede Wahrheit gehört den Lebenden.«
Die Polizei aus der Kreisstadt traf erst am nächsten Morgen ein. Kommissarin Helena Falken war für ihre ruhige Art bekannt. Während ihre Kollegen nach Fingerabdrücken suchten, beobachtete sie die Menschen. Niemand weinte. Niemand sprach. Fast schien es, als hätten alle mit dem Tod gerechnet. Sie begann ihre Befragungen.
Bruder Lukas erzählte, der Professor habe kurz vor dem Abendessen aufgeregt gewirkt. Er habe mehrfach gesagt, er habe „etwas gefunden, das alles verändern werde“.
Der Gärtner des Klosters erinnerte sich daran, wie Professor Weiss am Nachmittag mit Bruder Anselum gestritten hatte. Bruder Anselum war der älteste Mönch. Fast neunzig Jahre alt. Blind. Doch geistig hellwach.
Als Helena ihn fragte, worüber sie gestritten hätten, lächelte er nur.
„Der Professor glaubte, Geschichte bestehe aus Tatsachen.“
„Und Sie?“
„Geschichte besteht aus Entscheidungen.“
Diese Antwort brachte die Kommissarin zunächst nicht weiter. Am zweiten Tag fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Jeden Abend wurden sämtliche Türen des Klosters von innen verriegelt. Niemand hätte das Gebäude verlassen können. Der Täter musste also einer der Anwesenden gewesen sein. Doch gegen wen sprach etwas? Der Professor war nicht vergiftet worden. Sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen.
Der Gerichtsmediziner vermutete zunächst einen natürlichen Tod. Aber Helena glaubte nicht an Zufälle. Sie untersuchte erneut das Manuskript. Dabei bemerkte sie, dass mehrere Seiten deutlich heller waren als die übrigen. Als hätte man sie vor langer Zeit ersetzt. Unter schrägem Licht erschienen winzige Einstichlöcher entlang der Bindung.
Jemand hatte Seiten herausgetrennt. Und äußerst geschickt durch Abschriften ersetzt.
Der Professor hatte dies entdeckt. Nun ergab der Streit mit Bruder Anselum plötzlich Sinn. Der alte Mönch wusste davon. Doch war er deshalb ein Mörder? Helena ließ das Pergament mit der rätselhaften Botschaft untersuchen. Die Tinte war frisch. Das Pergament dagegen über dreihundert Jahre alt. Es stammte aus derselben Werkstatt wie das Manuskript. Wer immer den Zettel geschrieben hatte, verfügte über Zugang zu den kostbaren Beständen.
Schließlich bat Helena alle Brüder in den Kapitelsaal. „Der Täter sitzt unter uns“, sagte sie ruhig. „Nicht weil er das Geheimnis des Manuskripts schützen wollte.“ Sie machte eine Pause. „Sondern weil er ein anderes Geheimnis fürchtete.“ Sie blickte zum Abt.
„Professor Weiss hat gestern Nachmittag nicht nur entdeckt, dass Seiten ersetzt wurden.“ „Er fand auch heraus, wer sie ersetzt hatte.“
Der Abt schloss die Augen. Langsam. Sehr langsam. „Vor dreißig Jahren“, begann er leise, „war das Kloster hoch verschuldet. Ein skrupelloser Sammler bot eine ungeheure Summe für einige Originalseiten des Manuskripts.“
Die Brüder blickten erschrocken auf.
„Ich glaubte, das Kloster retten zu müssen. Also verkaufte ich heimlich zwölf Seiten und ließ sie durch meisterhafte Kopien ersetzen.“
Stille.
„Professor Weiss erkannte den Betrug. Er wollte ihn veröffentlichen.“
„Aber deshalb haben Sie ihn nicht getötet“, sagte Helena.
„Nein.“
„Das glaube ich Ihnen.“
Sie wandte sich Bruder Lukas zu. Der junge Mönch war kreidebleich.
„Sie haben gestern den Wein eingeschenkt.“
Er nickte kaum sichtbar.
„Sie wussten, dass Professor Weiss an einer schweren Erdnussallergie litt.“
Niemand verstand.
Helena hob die kleine Karaffe vom Tisch. „Im Wein befanden sich Spuren eines seltenen Nusslikörs.“
Bruder Lukas begann zu zittern.
„Schon wenige Tropfen reichten.“ „Sie wollten den Tod wie ein natürliches Herzversagen aussehen lassen.“
Tränen liefen über sein Gesicht. „Ich wollte das Kloster schützen“, flüsterte er. „Nicht den Abt.“ „Uns alle.“ „Wenn der Skandal bekannt geworden wäre, hätte man das Kloster geschlossen.“
„Aber dafür hatten Sie kein Recht, einen Menschen zu töten.“
Lange sagte niemand etwas.
Schließlich erhob sich Bruder Anselum.
Der blinde Greis ging langsam auf den jungen Mönch zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wer glaubt, eine Lüge retten zu müssen“, sagte er leise, „verliert zuerst die Wahrheit und am Ende sich selbst.“
Als Bruder Lukas von der Polizei abgeführt wurde, läuteten draußen die Glocken. Zum ersten Mal seit vielen Jahren klangen sie nicht wie ein Ruf zum Gebet. Sondern wie ein Abschied.
Und als Kommissarin Helena Falk das Kloster verließ, drehte sie sich noch einmal um.
Die Mauern standen unverändert im Morgenlicht. Doch sie wusste, dass alte Gebäude keine Geheimnisse bewahren. Das tun nur Menschen.
~*~*~*~
Zum Glück brauchst du Freiheit,
zur Freiheit brauchst du Mut.
Thukydides (um 454–398 v. Chr.)
war ein aus aristokratischen Verhältnissen
stammender antiker Athener General und Historiker



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