Sonntag, 5. Juli 2026

Aus der Zeit gefallen

Angesichts des schönen Sommerwetters lege ich eine Sommerpause ein –
(auch wenn es endlich mal wieder geregnet hat) –, in der ich gelegentlich
eine Kurzgeschichte einstelle, sozusagen als leichte Urlaubslektüre.

~*~
Der Regen trommelte gegen die beschlagenen Scheiben des kleinen Antiquariats, in dem die Zeit keine Rolle zu spielen schien. Überall stapelten sich vergilbte Seiten, und der Geruch von altem Leder und Staub lag schwer in der Luft.


An einem massiven Eichentisch saß Gregor, ein Mann, dessen Gesichtszüge von gelebten Jahrzehnten erzählten. Ihm gegenüber saß Maira, eine junge Frau, die hektisch auf ihr Smartphone starrte, während ihr Fuß einen nervösen Takt auf den Holzdielen schlug.
Gregor beobachtete sie ruhig, nippte an seinem Tee und sagte leise: „Es läuft dir nicht davon, Maira.“
Maira sah auf, die Stirn in Falten gelegt. „Was läuft mir nicht davon? Die Bahn? Mein Projekt? Das Leben? Gregor, ich habe das Gefühl, ich renne permanent und komme trotzdem zu spät. Als würde die Welt sich drehen und ich versuche nur, mich an der Oberfläche festzukrallen.“
Gregor lächelte milde. „Du bist nicht zu spät. Du bist nur aus der Zeit gefallen.“

Maira legte das Telefon beiseite, sichtlich irritiert, aber auch neugierig. „Aus der Zeit gefallen? Das klingt wie eine romantische Umschreibung dafür, dass ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege.“
„Nein“, entgegnete Gregor und deutete auf eine alte, tickende Standuhr in der Ecke. „Wir haben eine fundamentale Wahrheit vergessen. Die Griechen hatten zwei Wörter für die Zeit: Chronos und Kairos. Weißt du, was sie bedeuten?“
Maira schüttelte den Kopf.
„Chronos ist die messbare Zeit“, erklärte Gregor. „Das Ticken der Uhr, die Sekunden, die unbarmherzig verstreichen. Es ist die Zeit, die wir managen, optimieren und jagen. Sie ist linear und frisst ihre eigenen Kinder, wie der Mythos besagt. Aber Kairos... Kairos ist der Bruchteil einer Sekunde, der rechte Augenblick. Es ist die qualitative Zeit. Die Zeit, in der man vergisst, dass die Zeit existiert. Wenn du ein Buch liest und die Welt um dich herum verschwindet. Oder wenn du jemandem in die Augen schaust.“
„Und ich lebe nur noch in Chronos“, murmelte Maira und sah auf ihre Hände.
„Wir alle tun das“, sagte Gregor. „Die moderne Welt hat uns beigebracht, uns der Uhr zu unterwerfen. Wer aus diesem Takt ausschert, wer einen Moment lang innehält, um einfach nur zu sein, der gilt als verloren. Er fällt aus der Zeit. Aber vielleicht ist dieses 'Herausfallen' der einzige Weg, sich selbst zu finden.“

Maira stand auf und strich über den Buchrücken eines alten philosophischen Werks von Immanuel Kant. „Aber ich kann mich der Realität nicht entziehen, Gregor. Wenn ich langsamer mache, überholen mich die anderen. Die Welt verlangt Gleichzeitigkeit. Ich muss erreichbar sein, informiert sein, präsent sein. Immer.“

Gregor stand ebenfalls auf und trat an das Fenster, um auf die belebte, regennasse Straße zu blicken, auf der Menschen unter Regenschirmen vorbeihasteten.
„Weißt du, was das Paradoxon unserer Epoche ist?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Wir haben die Distanzen verkürzt, wir kommunizieren in Lichtgeschwindigkeit, aber wir haben weniger Zeit als je zuvor. Der Philosoph Walter Benjamin sprach einmal davon, dass der Fortschritt ein Sturm ist, der uns unaufhaltsam in die Zukunft treibt, während sich vor uns die Trümmer der Vergangenheit anhäufen. Wir rennen vorwärts, ohne zu wissen, wohin, nur weil wir Angst haben, stehenzubleiben.“
„Und was passiert, wenn wir stehenbleiben?“, fragte Maira leise.
Gregor drehte sich um und sah sie fest an.
„Dann triffst du auf die Gegenwart. Und die Gegenwart ist ein unheimlicher Ort für den modernen Menschen, weil sie keine Ablenkung bietet. In der reinen Gegenwart bist du ganz auf dich selbst zurückgeworfen.“

Maira schwieg eine Weile. Das Ticken der Standuhr schien plötzlich lauter zu werden, aber seltsamerweise verlor es seine Bedrohlichkeit. Es war kein Countdown mehr, sondern ein Herzschlag.
„Manchmal fühle ich mich hier, bei dir im Laden, wie in einer Blase“, gab sie zu. „Es ist, als würde ich eine andere Dimension betreten. Ist das nicht auch eine Form von Flucht?“
„Vielleicht“, gab Gregor zu. „Aber es ist eine notwendige Flucht. Nenn es meinetwegen Anachronismus. Ein Anachronist zu sein, bedeutet nicht, die Gegenwart zu hassen. Es bedeutet, sich das Recht herauszunehmen, nicht mit jeder Mode und jedem Tempo der eigenen Epoche Schritt halten zu müssen. Es ist der philosophische Widerstand gegen die totale Beschleunigung.“
Er ging zurück zum Tisch und schob Maira eine frische Tasse Tee hin.
„Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, aus der Zeit zu fallen, dann wehre dich nicht dagegen“, sagte er sanft. „Begrüße es. Es ist die Seele, die dir signalisiert, dass dein innerer Rhythmus nicht mit dem künstlichen Takt der Maschinen übereinstimmt. Es ist kein Defekt. Es ist deine Menschlichkeit.“

Maira sah auf die dampfende Tasse vor sich. Sie spürte, wie der Druck in ihrer Brust, der sie seit Wochen begleitet hatte, langsam nachließ. Sie griff nach ihrem Smartphone, schaltete es ganz aus und steckte es in ihre Tasche.
„Was machst du?“, fragte Gregor schmunzelnd.
Maira lächelte, und zum ersten Mal seit Langem erreichte das Lächeln ihre Augen. „Ich feiere meinen Ausstieg. Zumindest für die nächste Stunde. Erzähl mir mehr über diesen Kairos, Gregor. Ich glaube, ich möchte ihn kennenlernen.“


Der Regen draußen ging weiter, die Uhren tickten unentwegt fort, doch an diesem Nachmittag, in diesem kleinen Laden, hatte die Zeit aufgehört, ein Feind zu sein. Sie war einfach nur da.
~*~*~*~

Die beste Zeit, zu tun, was einem guttut, ist jetzt.


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