Die Dämmerung legte sich wie ein schwerer, blauer Samtmantel
über den alten Botanischen Garten. Auf einer verwitterten Holzbank unter einer
riesigen, jahrhundertealten Eiche saßen zwei Menschen: Tobias, dessen Gesicht die Züge ständiger Unruhe trug, und seine Freundin Sofia mit
wachen Augen, und einer Ausstrahlung von innerer Ruhe.
„Es reicht einfach nie“, sagte er leise, mehr zu sich selbst
als zu ihr. „Ich arbeite sechzig Stunden die Woche. Ich habe den Posten als
Seniorpartner. Ich habe das Loft. Und trotzdem… wenn ich abends die Tür hinter
mir schließe, fühle ich mich, als wäre ich eine leere Hülle. Als müsste ich
morgen noch mehr sein, um überhaupt zu existieren.“
Sofia, die diese abendliche Stille genoss, blickte hoch in die Äste der Eiche, deren Blätter im
Abendwind leise raschelten. „Du leidest an der modernen Krankheit, Tobias. Du
verwechselst das Dasein mit dem Etwassein.“
Tobias drehte den Kopf zu ihr. „Was meinst du damit? Wenn ich nichts bin – kein Status, kein Titel, kein Erfolg –, was bleibt dann noch? Dann bin ich ein Niemand.“
„Siehst du, genau das ist der Irrtum“, erwiderte Sofia sanft. „Wir werden in eine Welt hineingeboren, die uns einredet, wir müssten erst eine Form annehmen, um einen Wert zu haben“, fuhr Sofia fort. „Ein Visitenkärtchen, ein Kontostand, ein definierter Charakterzug. Das ist das Etwassein. Es ist starr. Es ist eine Maske, die man sich aufsetzt, um der Welt zu sagen: 'Seht her, ich funktioniere.' Aber das Dasein… das Dasein ist viel älter. Und viel tiefer.“
„Aber ich kann doch nicht einfach nur 'da sein'“, entgegnete Tobias fast schon verzweifelt. „Das ist doch Stillstand. Faulheit. Wir müssen uns doch entwickeln! Wir müssen wachsen!“
„Oh, absolut“, sagte Sofia und lächelte. „Aber schau dir diesen Baum an. Glaubst du, die Eiche versucht im Frühling krampfhaft, eine Eiche zu sein? Strengt sie sich an, um den Titel 'Größter Baum des Parks' zu ergattern?“
Tobias schmunzelte matt. „Wohl kaum.“
„Eben“, sagte Sofia. „Sie ist einfach. Und weil sie da ist, wächst sie. Das ist der entscheidende Unterschied. Echtes Wachstum passiert nicht durch das Anhäufen von Titeln, sondern durch das Reifen im Dasein.“
Tobias drehte den Kopf zu ihr. „Was meinst du damit? Wenn ich nichts bin – kein Status, kein Titel, kein Erfolg –, was bleibt dann noch? Dann bin ich ein Niemand.“
„Siehst du, genau das ist der Irrtum“, erwiderte Sofia sanft. „Wir werden in eine Welt hineingeboren, die uns einredet, wir müssten erst eine Form annehmen, um einen Wert zu haben“, fuhr Sofia fort. „Ein Visitenkärtchen, ein Kontostand, ein definierter Charakterzug. Das ist das Etwassein. Es ist starr. Es ist eine Maske, die man sich aufsetzt, um der Welt zu sagen: 'Seht her, ich funktioniere.' Aber das Dasein… das Dasein ist viel älter. Und viel tiefer.“
„Aber ich kann doch nicht einfach nur 'da sein'“, entgegnete Tobias fast schon verzweifelt. „Das ist doch Stillstand. Faulheit. Wir müssen uns doch entwickeln! Wir müssen wachsen!“
„Oh, absolut“, sagte Sofia und lächelte. „Aber schau dir diesen Baum an. Glaubst du, die Eiche versucht im Frühling krampfhaft, eine Eiche zu sein? Strengt sie sich an, um den Titel 'Größter Baum des Parks' zu ergattern?“
Tobias schmunzelte matt. „Wohl kaum.“
„Eben“, sagte Sofia. „Sie ist einfach. Und weil sie da ist, wächst sie. Das ist der entscheidende Unterschied. Echtes Wachstum passiert nicht durch das Anhäufen von Titeln, sondern durch das Reifen im Dasein.“
Tobias steckte das Telefon endlich in die Tasche und verschränkte die Arme. „Wo ist da der Unterschied? Wachsen, Reifen… für mich klingt das nach demselben Prozess.“
„Wachsen ist oft quantitativ“, Sofia zeichnete mit dem Finger einen Kreis in die Luft. „Höher, schneller, weiter. Mehr Wissen, mehr Besitz, mehr Anerkennung. Das ist das, was du tust. Du bläst dein Etwassein auf, bis es zu platzen droht. Aber Reifen… Reifen ist qualitativ. Es ist der Übergang vom Tun zum Werden.“ Sie zeigte auf eine abgefallene, braune Eichel, die zwischen ihren Füßen im Moos lag. „Die Eichel muss ihre feste Schale aufgeben, um zu keimen. Das fühlt sich für die Schale wie Sterben an. Aber es ist nur das Werden von etwas Neuem. Beim Reifen geht es nicht darum, perfekt zu werden, sondern ganz zu werden. Es bedeutet, die eigenen Wunden zu integrieren, die Stürme des Lebens anzunehmen und die Illusion zu verlieren, dass wir alles kontrollieren können.“
„Das klingt schmerzhaft“, gab Tobias zu. Seine Stimme war jetzt brüchiger. „Das Aufgeben der Schale.“
„Es ist schmerzhaft, weil wir Angst haben, dass wir nichts mehr sind, wenn die Schale bricht“, sagte Sofia leise. „Aber erst wenn die Schale des Etwasseins bricht, bekommt das Dasein Raum zum Atmen. Werden ist kein Ziel, das man erreicht. Es ist ein Fluss. Du bist nie fertig, Tobias. Du bist ein fortlaufender Prozess.“
Es wurde still zwischen ihnen. Die Dunkelheit hatte den Park nun fast vollständig verschlungen, nur die Parklaternen warfen ein warmes, diffuses Licht auf den Boden.
Tobias schloss für einen Moment die Augen. Zum ersten Mal seit Monaten lauschte er nicht auf das Rasen seiner eigenen Gedanken, sondern auf das Rauschen des Windes, den kühlen Atem der Nacht auf seiner Haut und das gleichmäßige Heben und Senken seiner eigenen Brust.
„Ich bin“, flüsterte er nach einer Weile.
„Ja“, sagte Sofia, und in ihrer Stimme lag eine tiefe Zufriedenheit. „Genau jetzt, in diesem Moment, bist du weder der Seniorpartner noch der Loft-Besitzer, noch der Getriebene. Du bist einfach ein Mensch auf einer Bank unter einem Baum. Du bist da.“
Tobias spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals löste. Es war keine Leere, die er fühlte – es war eine plötzliche, ungeahnte Weite.
„Das Etwassein“, sagte er langsam, während er die Augen wieder öffnete, „ist also nur das Kleid, das wir tragen. Aber das Dasein ist der Körper darunter.“
„Und das Reifen“, fügte Sofia hinzu, „ist die Kunst, zu lernen, dass dieses Kleid ruhig auch mal schmutzig werden oder reißen darf. Weil das, was darunter liegt, unberührbar und ewig im Werden begriffen ist.“
~*~*~*~
Mensch: ein Lebewesen, so angetan von Illusionen über sich,
dass es völlig vergisst, was es eigentlich sein sollte.
Ambrose Bierce (* 1842 ; † 1914)
war ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist


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