Ihr bester Freund, ein ungleicher Gefährte, war Flipo, eine kleine Gartenmaus mit einem stets nervösen Zucken ihrer Schnurrhaare und einem unerschütterlich optimistischen Geist. Flipo lebte in einem gemütlichen Bau unter den Wurzeln einer alten Schwarzerle. Für Minu war Flipo nicht Beute, sondern ein Vertrauter, ein Freund, mit dem sie über die Melancholie des Herbstes und die Vorfreude auf das Frühjahr sinnieren konnte. Sie trafen sich oft an der Terrassentür, die Minu immer einen Spaltbreit aufschob, um Flipo Einlass zu gewähren.
Die Tage zogen dahin, und
draußen malte der frühe Dezember die Welt in blasse Grau- und Weißtöne. Dann,
eines Morgens, wachte Minu auf und sah durch das Fenster. Über Nacht hatte der
Schnee den Garten in eine glitzernde, stille Zauberwelt verwandelt. Es war ein
atemberaubender Anblick, aber auch einer, der Not bedeutete.
Minu saß auf der Fensterbank, ihr Blick ruhte auf den kargen Ästen der Bäume, wo sich die
kleinen Vögelchen — Amseln, Meisen und Finken — zu kleinen, zitternden Federbällchen
zusammenkauerten. Ihre Lieder waren verstummt, ersetzt durch ein leises,
klagendes Zwitschern.
„Es ist eine eisige Pracht“, murmelte Minu an diesem Nachmittag zu Flipo, der mit ihr auf der Fensterbank saß, sah Minu an. „Ich sehe, wie schwer es für unsere gefiederten Vögelchen ist. Die Erde ist gefroren. Die Vorräte sind erschöpft.“ Flipo sah ebenfalls nach draußen. „Und der Winter hat gerade erst angefangen, Minu. Aber es ist bald Weihnachten, das Fest des Teilens. Was ist, wenn der Waldgarten ihnen ein kleines Wunder beschert?“
Minu senkte den Kopf und blickte Flipo tief in die Augen. „Ein Wunder des Herzens“, sagte sie leise. „Wir müssen ihnen Freude schenken. Nicht nur ein Überleben, sondern ein Fest.“ Der Gedanke erwärmte beide. Die Katze und die Maus, das Urbild der Feindschaft, schlossen einen Pakt der Großzügigkeit.
„Wir müssen ihnen etwas
Kostbares bringen“, sagte Flipo, seine Augen funkelten vor Aufregung. „Etwas,
das sie nährt und ihnen die Hoffnung zurückgibt.“
Minu nickte. Die Antwort lag
offensichtlich direkt hinter der Tür des Wohnzimmers: die Küche des Hauses, wo
die menschlichen Bewohner ihre Vorräte für das Weihnachtsfest horteten.
„Die Küche“, flüsterte Minu. „Ein gefährlicher Ort für eine Maus, aber eine Schatzkammer für Nüsse und Samen. Wir müssen uns in der Nacht dort hineinschleichen, wenn die Menschen schlafen und Stille herrscht, um herauszufinden, wo diese Schätze versteckt sind.“
Sie warteten geduldig, bis
nur noch das Knistern des Kamins und das ferne Ticken einer Standuhr zu hören
waren. Dann schlich Minu, ein dunkler Schatten auf Samtpfoten, in die Küche. Flipo
folgte ihr, mutig, aber mit allen Sinnen auf Habachtstellung.
Flipo, der sich in einer
Schüssel aus getrockneten Cranberrys versteckt hatte, rief: „Minu, hier! Unten
in der Ecke, die großen, runden: Walnüsse! Die sind perfekt!“
Als der Behälter randvoll war – eine Mischung aus Walnüssen und Erdnüssen, süßen Beeren und Sonnenblumenkernen – trugen sie ihn gemeinsam hinaus. Minu schob den Behälter mit ihrer Schnauze und ihren Pfoten, während Flipo ihn von oben stabilisierte. Unter dem funkelnden Sternenhimmel des verschneiten Waldgartens hängten sie ihre kostbare Gabe an den dicksten Ast der Schwarzerle.
Am nächsten Morgen, dem
Weihnachtstag, wurden die ersten Sonnenstrahlen nicht nur von der Stille des
Schnees, sondern von einem freudigen, dankbaren Gesang der Vögel begrüßt. Die
gefiederten Freunde hatten das Geschenk entdeckt. Sie futterten nicht nur, sie
feierten.
Minu und Flipo saßen zusammen
auf dem Fensterbrett. Minu sah zu, wie die Vögel ihre Futterstelle besuchten.
Es war nicht nur eine wahre Freude, das zu beobachten, sondern der Gedanke, den Vögelchen in ihrer Not geholfen zu haben, der in dieser kalten Nacht gewirkt hatte.
„Das ist der wahre Weihnachtszauber, Flipo“, sagte Minu, und ein tiefes, zufriedenes Schnurren folgte. „Das Teilen, über alle Grenzen hinweg, sorgt für eine große Freude.“Flipo lächelte und knabberte an einer Nussl, die Minu ihm hingelegt hatte.
„Wir sind das Geheimnis des Waldgartens, Minu. Wir sind der Beweis, dass jeder, egal wie klein oder groß, die Welt mit Freundlichkeit erwärmen kann.“







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