Mittwoch, 31. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren "Die gläserne Einsamkeit"
Dienstag, 30. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren: "Die verlorenen Seelen"
Sean war einer der Letzten, die sich noch an das »Gefühl« erinnern konnten. In seiner Stadt, einer Metropole aus Chrom, Stahl, Beton, Asphalt und lautlosen Algorithmen, bewegten sich die Menschen wie präzise Uhrwerke. Sie funktionierten und waren effizient. Sie waren höflich und erschreckend leer. Man nannte es die »Große Stille«. Es war nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern die Abwesenheit von Resonanz und Anerkennung. Wenn zwei Menschen sprachen, trafen die Worte aufeinander wie Kieselsteine – hart, trocken, ohne dass etwas dazwischen schwang.
Eines Tages traf Sean eine Frau namens Carla. Sie saß am Brunnen und starrte nicht auf ihr Handgelenk-Display, sondern auf einen Riss im Asphalt, aus dem ein winziger Löwenzahn wuchs. „Er kämpft“, sagte sie leise. Ihre Stimme klang anders, es schwang etwas in ihrer Stimme mit, eine Brüchigkeit, die Sean seit Jahren nicht gehört hatte. „Er verschwendet seine Energie“, antwortete Sean automatisch, erschrocken über seine eigene Kälte. Carla sah ihn an, und für einen Moment sah Sean einen Funken. „Unsere Seelen sind kalt geworden, aber wir haben sie nicht verloren, Sean“, flüsterte sie. „Wir haben sie nur gegen die Sicherheit eingetauscht, niemals leiden zu müssen. Denn eine Seele ist schwer, sie ist verletzlich und sie tut weh.“
Montag, 29. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren "Der alte Uhrmacher"
Sonntag, 28. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren: "Das leise Zittern des Daseins"
Daniel arbeitete in der »Abteilung für
Sehnsuchtsmanagement«. Seine Aufgabe war es, Algorithmen zu füttern, die den
Menschen genau das verkauften, was ihnen fehlte. Ein Parfüm, das nach »Sommerregen auf Asphalt« roch, weil niemand mehr Zeit hatte, im Regen stehenzubleiben. Eine VR-Brille, die das Lachen eines Kindes simulierte, weil echte
Begegnungen zu unvorhersehbar und damit ineffizient waren.
Als er sich auf dem Nachhauseweg befand, begann es zu
schneien. Doch es war nicht nur Schnee aus Wasser, es war auch der feine, graue Staub der
Erschöpfung. Es war der Ruß, der mit dem Ostwind aus den Fabriken, die Tag und Nacht »Glück« in Plastik
pressten, auf die Stadt nieder rieselte. Die Menschen hasteten mit gesenkten Köpfen aneinander vorbei, die
Gesichter im kalten Blaulicht ihrer Handflächen vergraben. Sie hatten verlernt,
in die Augen des anderen zu blicken. Ein Blick war ein Risiko. Er könnte eine
Verbindung fordern, die Zeit kostet. Und Zeit war die Währung, mit der sie ihre
eigene Leere bezahlten.
Wir besitzen alles, dachte Daniel, während er später am
Abend aus dem Fenster im 40. Stock sah, aber wir gehören niemandem. Nicht
einmal uns selbst.
Eines Abends, als die Krise der Rohstoffknappheit die
Lichter der Stadt flackern ließ, blieb der Aufzug stecken. Mit Daniel in der
Kabine war eine alte Frau. Sie trug keinen digitalen Feed an ihrem Handgelenk.
Sie hielt einfach nur eine kleine, zerbeulte Thermoskanne in der Hand.
„Es schneit heute besonders heftig“, sagte sie leise.
Daniel starrte auf die Anzeige des Aufzugs. „Das System wird es in 4,2 Minuten reparieren. Wir verlieren Produktivität.“
Die Frau lachte, ein Geräusch wie trockenes Laub. „Wissen
Sie, Daniel – ich kenne Ihren Namen von Ihrem Anstecker –, die Seele ist wie dieser
Schnee. Wenn man sie zu fest drückt, um daraus etwas zu formen, schmilzt sie zu
Wasser. Wenn man sie ignoriert, wird sie zu Eis. Aber wenn man sie einfach
fallen lässt, deckt sie alles Graue zu.“
Sie bot ihm einen Becher Tee an. Er schmeckte nicht nach
künstlichen Aromen. Er schmeckte bitter, heiß und echt. In diesem Moment, in
der Enge des steckengebliebenen Aufzugs, weit weg vom Blinken und Rauschen der Werbebanner,
spürte Daniel eine seltsame Vibration in seiner Brust. Es war kein technisches
Signal. Es war ein Schmerz.
Als der Aufzug sich wieder bewegte, trat Daniel nicht hinaus
in sein Büro. Er fuhr hinunter ins Erdgeschoss. Er trat hinaus auf die Straße,
mitten in den grauen Ascheschnee und sah die Menschenmassen. Der Manager, der
drei Gespräche gleichzeitig führte und dabei vergaß zu atmen. Die junge Frau, die ein neues Gesicht kaufte, weil ihr eigenes ihr zu gewöhnlich erschien. Die Kinder, die lernten, dass Liebe ein „Like“
ist und Einsamkeit nur ein leerer Akku.
Daniel blieb stehen. Er schloss die Augen. Er versuchte
nicht, etwas zu kaufen, um das Loch in ihm zu füllen. Er ließ das Loch einfach
da sein. Und plötzlich, unter der Schicht aus Stress, Konsum und künstlichem
Licht, spürte er es. Das leise Zittern des Daseins.
Es war keine Lösung für die Krisen der Welt. Es war kein
Produkt, das man bewerben konnte. Es war nur die schmerzhafte, wunderschöne
Erkenntnis, dass er noch am Leben war – ein kleiner, zerbrechlicher Funke in
einer Welt, die vergessen hatte, wie man das Feuer hütet.
Samstag, 27. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren: "Der letzte Funken"
Freitag, 26. Dezember 2025
Geschichten zwischen den Jahren: "Robin und Balu"
Mittwoch, 24. Dezember 2025
Guten Abend, schöner Abend 🌟🎄🌟
Sonntag, 21. Dezember 2025
Weihnachtszauber im Waldgarten
Ihr bester Freund, ein ungleicher Gefährte, war Flipo, eine kleine Gartenmaus mit einem stets nervösen Zucken ihrer Schnurrhaare und einem unerschütterlich optimistischen Geist. Flipo lebte in einem gemütlichen Bau unter den Wurzeln einer alten Schwarzerle. Für Minu war Flipo nicht Beute, sondern ein Vertrauter, ein Freund, mit dem sie über die Melancholie des Herbstes und die Vorfreude auf das Frühjahr sinnieren konnte. Sie trafen sich oft an der Terrassentür, die Minu immer einen Spaltbreit aufschob, um Flipo Einlass zu gewähren.
Die Tage zogen dahin, und
draußen malte der frühe Dezember die Welt in blasse Grau- und Weißtöne. Dann,
eines Morgens, wachte Minu auf und sah durch das Fenster. Über Nacht hatte der
Schnee den Garten in eine glitzernde, stille Zauberwelt verwandelt. Es war ein
atemberaubender Anblick, aber auch einer, der Not bedeutete.
Minu saß auf der Fensterbank, ihr Blick ruhte auf den kargen Ästen der Bäume, wo sich die
kleinen Vögelchen — Amseln, Meisen und Finken — zu kleinen, zitternden Federbällchen
zusammenkauerten. Ihre Lieder waren verstummt, ersetzt durch ein leises,
klagendes Zwitschern.
„Es ist eine eisige Pracht“, murmelte Minu an diesem Nachmittag zu Flipo, der mit ihr auf der Fensterbank saß, sah Minu an. „Ich sehe, wie schwer es für unsere gefiederten Vögelchen ist. Die Erde ist gefroren. Die Vorräte sind erschöpft.“ Flipo sah ebenfalls nach draußen. „Und der Winter hat gerade erst angefangen, Minu. Aber es ist bald Weihnachten, das Fest des Teilens. Was ist, wenn der Waldgarten ihnen ein kleines Wunder beschert?“
Minu senkte den Kopf und blickte Flipo tief in die Augen. „Ein Wunder des Herzens“, sagte sie leise. „Wir müssen ihnen Freude schenken. Nicht nur ein Überleben, sondern ein Fest.“ Der Gedanke erwärmte beide. Die Katze und die Maus, das Urbild der Feindschaft, schlossen einen Pakt der Großzügigkeit.
„Wir müssen ihnen etwas
Kostbares bringen“, sagte Flipo, seine Augen funkelten vor Aufregung. „Etwas,
das sie nährt und ihnen die Hoffnung zurückgibt.“
Minu nickte. Die Antwort lag
offensichtlich direkt hinter der Tür des Wohnzimmers: die Küche des Hauses, wo
die menschlichen Bewohner ihre Vorräte für das Weihnachtsfest horteten.
„Die Küche“, flüsterte Minu. „Ein gefährlicher Ort für eine Maus, aber eine Schatzkammer für Nüsse und Samen. Wir müssen uns in der Nacht dort hineinschleichen, wenn die Menschen schlafen und Stille herrscht, um herauszufinden, wo diese Schätze versteckt sind.“
Sie warteten geduldig, bis
nur noch das Knistern des Kamins und das ferne Ticken einer Standuhr zu hören
waren. Dann schlich Minu, ein dunkler Schatten auf Samtpfoten, in die Küche. Flipo
folgte ihr, mutig, aber mit allen Sinnen auf Habachtstellung.
Flipo, der sich in einer
Schüssel aus getrockneten Cranberrys versteckt hatte, rief: „Minu, hier! Unten
in der Ecke, die großen, runden: Walnüsse! Die sind perfekt!“
Als der Behälter randvoll war – eine Mischung aus Walnüssen und Erdnüssen, süßen Beeren und Sonnenblumenkernen – trugen sie ihn gemeinsam hinaus. Minu schob den Behälter mit ihrer Schnauze und ihren Pfoten, während Flipo ihn von oben stabilisierte. Unter dem funkelnden Sternenhimmel des verschneiten Waldgartens hängten sie ihre kostbare Gabe an den dicksten Ast der Schwarzerle.
Am nächsten Morgen, dem
Weihnachtstag, wurden die ersten Sonnenstrahlen nicht nur von der Stille des
Schnees, sondern von einem freudigen, dankbaren Gesang der Vögel begrüßt. Die
gefiederten Freunde hatten das Geschenk entdeckt. Sie futterten nicht nur, sie
feierten.
Minu und Flipo saßen zusammen
auf dem Fensterbrett. Minu sah zu, wie die Vögel ihre Futterstelle besuchten.
Es war nicht nur eine wahre Freude, das zu beobachten, sondern der Gedanke, den Vögelchen in ihrer Not geholfen zu haben, der in dieser kalten Nacht gewirkt hatte.
„Das ist der wahre Weihnachtszauber, Flipo“, sagte Minu, und ein tiefes, zufriedenes Schnurren folgte. „Das Teilen, über alle Grenzen hinweg, sorgt für eine große Freude.“Flipo lächelte und knabberte an einer Nussl, die Minu ihm hingelegt hatte.
„Wir sind das Geheimnis des Waldgartens, Minu. Wir sind der Beweis, dass jeder, egal wie klein oder groß, die Welt mit Freundlichkeit erwärmen kann.“























