In den schroffen, nebelverhangenen Bergen der Provinz Sichuan lag das alte Kloster des Meisters Lin. Es war ein Ort des Schweigens, unterbrochen nur vom leisen Rauschen des Bambuswaldes und dem rhythmischen Klang eines weit entfernten Gongs.
Hier lebte Mei-Hua, ein junger Mann von achtzehn Jahren, dessen Name »Pflaumenblüte« Frieden verhieß, dessen Herz aber von Unruhe zerrissen war. Mei-Hua war ein fleißiger Schüler, doch seit Wochen war sein Geist nicht bei den Kalligraphie-Übungen oder der Morgenmeditation. Er verbrachte seine Abende am steinernen Tor des Klosters und blickte in die Ferne, wo die Lichter der Dörfer flackerten – Lichter, die ihm nun zerbrechlich und bedroht erschienen.
Die Nachrichten, die gelegentlich über Händler und Pilger in die Berge drangen, waren finster. Von Kriegen war die Rede, die in fernen Ländern wüteten, von Völkern, die einander aus uraltem Groll oder neuer Gier das Leben nahmen. Mei-Hua spürte eine nagende Angst, eine Frage, die ihm den Schlaf raubte: Wie konnte so viel Leid in einer Welt existieren, die doch auch so viel Schönheit barg?
Eines kühlen Abends fand er Meister Lin vor dem Kloster. Der Meister, dessen Gesicht so zerfurcht war wie die umliegenden Berge, saß tief in Gedanken versunken auf seiner Holzbank.
Mei-Hua verbeugte sich tief, seine Stimme war belegt von Verzweiflung. „Meister“, begann er, „ich kann keinen Frieden finden. Die Welt ist ein Schlachtfeld. Überall gibt es Krieg. Was nützen all unsere Übungen, wenn die Menschheit einander nicht lieben kann? Was muss getan werden, damit endlich wieder Frieden herrscht?“
Meister Lin hob langsam den Kopf. Seine Augen waren alt und mild, aber sie schienen bis in die entferntesten Ecken der Welt zu blicken. Er sprach mit einer Stimme, die klang wie fließendes Wasser über polierte Steine.
„Mei-Hua, du stellst eine Frage, die so alt ist wie der erste Schatten, der auf die Erde fiel. Viele Herrscher und Philosophen haben versucht, sie mit Gesetzen, Armeen oder Abhandlungen zu beantworten. Doch sie haben alle das Ausmaß des Schlachtfeldes falsch eingeschätzt.“
Der Meister stand auf und stieg die Treppen zum Kloster hinauf. Er trat ans Fenster und deutete auf den Bambuswald, dessen Halme im Wind hin und her schwankten.
„Du fragst, was getan werden muss, damit Frieden herrscht. Die Antwort ist einfach und unendlich schwer. Der Weltfrieden ist nicht ein großes Ereignis, das durch einen einzigen Vertrag besiegelt wird. Er ist die Summe aller kleinen Frieden, die in den Herzen der einzelnen Menschen geschlossen werden.“ Mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung zog der Meister ein Zeichen auf ein Blatt Reispapier: 平 „Dieses Zeichen, Píng, steht für Frieden und Ausgeglichenheit“, erklärte Lin. „Sieh genau hin. Es besteht aus zwei Teilen: einem Dach oben, das Schutz symbolisiert, und dem Zeichen für Mund oder Person unten, das Einheit bedeutet. Frieden ist das Gefühl der Sicherheit, das entsteht, wenn alle Menschen unter demselben Himmel stehen und sich als eins betrachten.“
Er blickte Mei-Hua tief in die Augen. „Wenn du wirklich den Weltfrieden wünschst, dann gehe nicht hinaus, um die Generäle zu belehren. Fange hier an. Was du tun musst, ist dies: Erkenne den Feind in dir, die Gier nach Rechtfertigung, die Angst vor dem Unbekannten, die schnelle Verurteilung. Entwaffne diese inneren Feinde jeden Tag neu durch Selbstbeobachtung und Mitgefühl. Übe den Frieden im Kleinen. Sei die Brücke, nicht die Mauer. Wenn ein Streit beginnt, sei die erste Person, die zuhört, bevor sie antwortet. Biete die leere Schale an, die darauf wartet, gefüllt zu werden – mit Verständnis, nicht mit Anschuldigungen. Sei der Bambus. Der Bambus beugt sich im Sturm. Er bricht nicht. Wenn der Wind des Krieges oder des Hasses weht, sei flexibel, sei nachgiebig, aber bleibe tief verwurzelt in deiner eigenen Güte und Wahrheit.
Der Meister machte eine kleine Pause: „Wenn jeder Mensch auf der Welt diesen inneren Pakt des Friedens schließt“, schloss er, „dann wird es irgendwann keine Herzen mehr geben, die bereit sind, die Kriege der Führer zu führen. Die Armeen werden entwaffnet, nicht durch Befehl, sondern durch Müdigkeit der Seele am Hass. Sei geduldig. Das Licht der Bambussprossen mag klein sein, aber es ist der Anfang des Waldes.“
Mei-Hua schwieg lange. Er sah nicht mehr die fernen Lichter der Dörfer, sondern das einzelne, starke Zeichen auf dem Reispapier. Er verstand, dass seine Mission nicht darin bestand, die Welt zu retten, sondern sein eigenes Herz zu kontrollieren.
Er verbeugte sich erneut, dieses Mal mit einem Gefühl von Last, aber auch von tiefem Frieden. „Ich danke Ihnen, Meister. Ich werde den Krieg im eigenen Herzen beenden.“
Er verließ das Studierzimmer und trat in die Nacht hinaus. Der Wind hatte sich gelegt. Die Stille des Bambuswaldes war nun keine Leere mehr, sondern ein Versprechen. Mei-Hua wusste, dass der Weg lang sein würde, aber er hatte eine Richtung. Er hatte sein eigenes Schlachtfeld gefunden.
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