Montag, 5. Januar 2026

Die letzte Geschichte zwischen den Jahren: "Die Begegnung im Dunkeln"

In der Großstadt leuchteten nachts nicht die Straßenlaternen am hellsten, sondern das bläuliche Flimmern der Fenster. Tausende Menschen lebten dort Wand an Wand, getrennt nur durch wenige Zentimeter Beton und Gips, doch die Distanz zwischen ihnen war unmessbar.


Tobias wohnte in Apartment 402. Er wusste, dass in 403 jemand lebte, der gerne Jasmintee trank. Er roch es manchmal im Flur. In 401 wohnte jemand, der nachts manchmal leise weinte. Doch Tobias hätte ihre Gesichter nicht erkannt, wenn sie ihm im Fahrstuhl begegnet wären. Er senkte dort stets den Blick auf sein Smartphone, genau wie alle, die mitfuhren. In der digitalen Welt hingegen war Tobias ein Entdecker. Er hatte 5.000 »Freunde«. Er kannte die Urlaubsfotos einer jungen Frau aus Schweden. Er kannte die Ängste eines Studenten aus New York, den Kummer einer Frau aus Tokio und die politische Meinung eines Lehrers aus Berlin. Er teilte sein Innerstes mit Fremden, die tausende Kilometer entfernt waren, während er den Namen des Mannes nicht kannte, der jeden Morgen zur selben Zeit wie er die Tür zu seinem Apartment abschloss.

Eines Abends geschah etwas Unerwartetes. Ein schweres Unwetter suchte die Stadt heim. Ein Blitz schlug in das zentrale Umspannwerk ein. Mit einem Schlag erloschen die Bildschirme. Die Router verstummten. Das vertraute blaue Licht in den Fenstern der Stadt wich einer absoluten, beängstigenden Dunkelheit.
Tobias starrte auf sein totes Handy. Er fühlte eine plötzliche, schneidende Einsamkeit. Die Menschen, denen er gerade noch sein Herz ausgeschüttet hatte, waren weg – im digitalen Äther verpufft.


Nach einer Stunde der Stille hielt Tobias es nicht mehr aus. Mit einer alten Wachskerze trat er hinaus auf den Flur. Dort traf er auf die Frau aus 403. Sie hielt eine Taschenlampe in der Hand.
„Haben Sie auch kein Netz?“, fragte sie leise. Ihre Stimme klang brüchig, als hätte sie sie lange nicht benutzt. „Nichts“, antwortete Tobias. „Alles schwarz.“
Sie setzten sich auf die oberste Stufe des Treppenhauses. Zuerst war es unbehaglich. Ohne die schützende Barriere eines Bildschirms wirkte das Gegenüber fast zu real, zu intensiv. Doch dann begannen sie zu reden. Nicht über das, was sie online darstellten, sondern über die Kälte im Flur, über die Angst vor der Dunkelheit und über den unverkennbaren Geruch von Jasmintee.
Nach und nach öffneten sich weitere Türen. Der weinende Nachbar aus 401 kam heraus, ein älterer Mann, der gerade seinen Hund verloren hatte. Eine junge Familie aus dem fünften Stock brachte Kekse mit.
Als der Strom am nächsten Morgen zurückkehrte, war das WLAN-Signal wieder voll da. Tobias’ Smartphone vibrierte mit hunderten Benachrichtigungen von Fremden, die wissen wollten, warum er so plötzlich »offline« gegangen war.
Tobias betrachtete sein Handy. Er sah die flimmernde Welt der sozialen Medien, die so laut und doch so körperlos war. Dann blickte er an die Wand zu Apartment 403. Er wusste jetzt, dass seine Nachbarin Sarah hieß und Angst vor Gewittern hatte.
Die Geschichte endet nicht damit, dass die Menschen ihre Computer und Smartphones wegwarfen. Aber in der Stadt blieben ab diesem Tag die Vorhänge öfter offen. Wenn Tobias nun im Fahrstuhl stand, schaute er nicht mehr nach unten. Er suchte die Augen der Menschen – und fand zum ersten Mal nicht nur Profile, sondern Nachbarn, mit denen er nun immer öfter ins Gespräch kam.

~*~~*~~*~

„Wir sind voller Begegnungen, Begegnungen ohne Dauer
und ohne Abschied, wie die Sterne. Sie nähern sich,
stehen Lichtsekunden nebeneinander und
entfernen sich wieder:
Ohne Spur, ohne Bindung, ohne Abschied.“

Wolfgang Borchert  (* 1921 † 1947) 
war ein deutscher Schriftsteller

~*~
Gute Träume für die letzte mystische Raunacht!
Träume in diesen Nächten sollen prophetisch sein.

~*~
 
🙏God bless Ukraine and Israel 🙏
~❄️💖❄️~🙏~❄️💖❄️~
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
🌟Bilder mit KI erstellt by Lauras Home and Garden🌟

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für Deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass Du Dir die Zeit für ein paar nette Worte nimmst.

Aufgrund der neuen Datenschutzrichtlinien (DSGVO) bitte ich folgendes zu beachten:
Mit der Nutzung der Kommentarfunktion dieser Webseite, die von Google zur Verfügung gestellt wird, erklärst Du Dich mit der Speicherung und Verarbeitung Deiner Daten auf dem Google- Server einverstanden.