Samstag, 24. Januar 2026

Im Wald des kleinen Zwergkönigs

Rasborgin war so klein, dass selbst die jungen Zwerge über seinen Kopf hinwegsehen konnten. In einer Kultur, die Stärke an der Tiefe der Stollen und der Schwere der Hammerschläge maß, war Rasborgin ein Nichts. Seine Funken beim Schmieden erloschen, bevor sie das Eisen trafen. Seine Tunnel stürzten ein, noch bevor die erste Stütze stand. Er war der »Staubzwerg« – ein Versager, dessen einzige Gabe darin bestand, unsichtbar zu bleiben.


Viele Jahre später half ihm ein Zufall in Form einer uralten, vergessenen Kammer tief unter den Wurzeln des großen Waldes. Während er vor dem Spott seiner Peiniger floh, rutschte Rasborgin in eine Spalte und fand das magische Auge von Silygat. Es war kein Juwel, sondern ein lebendiges Relikt aus der Zeit, als der Wald noch aus Schatten und Zorn bestand.
Als Rasborgin die Hand danach ausstreckte, band sich die Magie des Silygat an ihn. Es verlieh ihm keine Körpergröße, aber es gab ihm die Macht, die Natur selbst zu beugen und über den Zwergenwald zu herrschen. Die Wurzeln des Waldes gehorchten nun seinem leisesten Flüstern, und die Dunkelheit zwischen den Bäumen wurde zu seinem verlängerten Arm.

Mit einer Armee aus wandelnden Bäumen und der Kontrolle über das Licht kehrte er zurück. Die Zwerge, die ihn einst getreten und verspottet hatten, sahen nun zu ihm auf. Aber nicht etwa aus Respekt, sondern aus Angst und nacktem Entsetzen. Ein weiterer Zufall wollte es, dass Rasborgin nun auf einem Thron aus geflochtenem Eisenholz landete. Hoch über den tiefen Hallen seiner Vorgänger wurde er zum unangefochtene Gebieter über sein Zwergenvolk. Immer wenn Rasborgin sich durch die Straßen der Zwergenstadt in seinem polierten Holzmobil fahren ließ, verstummten alle Gespräche. Das Lachen, das ihn früher verletzt hatte, wurde durch eine Stille ersetzt, die noch schmerzhafter war. Er wollte gerne dazugehören, doch jetzt stand er einsam an der Spitze und war umgeben von einer hohen Mauer, hinter der die Angst herrschte.


Das magische Auge von Silygat flüsterte ihm ständig zu, diejenigen zu vernichten, die ihn einst verspottet hatten. Und so ließ er seine Untertanen, die in den Stollen hart arbeiteten, von einer Spezial-Zwergengarde Tag und Nacht bewachen. Jedes Mal, wenn er einen seiner ehemaligen Peiniger vor sich zittern sah, spürte er einen kurzen Funken Genugtuung. Doch schon bald darauf wurde er von einem Gefühl tiefer Leere heimgesucht.
Um diese Leere auszufüllen, ließ Rasborgin nicht nur weitere pompöse Paläste aus dem Erlös der verkauften Bodenschätze für sich bauen, er beschloss ein weiteres Stück Wald zu beschlagnahmen. Er wusste, dass sich dort weitere Reichtümer verbargen, die unbedingt in seinen Besitz gelangen mussten. Mit seiner starken Armee aus wandelnden Bäumen schlich er eines Nachts in den Nachbarwald ein. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war eine Herrschar von mutigen Heros, die sich nicht nur heftig wehrten, sondern Rasborgin samt seiner Armee in die Flucht jagten. Diesen unerwarteten Gegenangriff überlebte der größte Teil seiner Zwergen-Armee nicht. Gedemütigt und als Verlierer, kehrte Rasborgin in sein Reich zurück. Er war wütend und dachte gar nicht daran, aufzugeben. Noch brutaler griff er die tapferen Heros immer wieder an.  Gleichzeitig belog und betrog er sein Zwergenvolk und beutete es weiter aus, um seiner Armee aus wandelnden Bäumen den Sold auszuzahlen. Während die sich nur noch mühsam durch Schlamm und Geröll vorwärts kämpften, gönnte sich selbst teuren Champagner und ein Leben in purem Luxus. Wer es wagte, ihn und seinen sinnlosen Krieg zu kritisieren, wurde mit aller Härte bestraft oder gleich ins tiefste Hinterland verbannt.

Als er wenige Tage später sah, wie ein Aufseher einen anderen kleinen Zwerg bestrafte, nur um Rasborgin zu gefallen, erkannte er, dass er die Welt nicht besser gemacht hatte. Er hatte nur die Rollen getauscht. Die Angst, die er verbreitete, war das Echo seines eigenen alten Schmerzes, der jetzt zu einem Spiegel der Grausamkeit geworden ist. Das veranlasste ihn aber keineswegs, seinen Krieg zu beenden, dazu fehlte ihm die Größe.


Und so verging ein Kriegsjahr nach dem anderen. Rasborgin wurde alt und krank. Er litt unter Angstzuständen, Panikattacken und er konnte nicht mehr schlafen. An seinem Wesen hat das jedoch nichts geändert. Er blieb klein, unnachgiebig und kaltblütig. Bis ins hohe Alter bestand er darauf, dass alle anderen Waldzwerge vor ihm niederknien mussten, damit er größer und mächtiger erschien als sie. Reich, einsam, alleine und leer war er nur noch ein Schatten seiner selbst in einem goldenen Käfig.
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Es gibt keine Größe da, wo es keine Einfachheit,
Güte und Wahrheit gibt.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (* 1828 † 1910)
war ein russischer Schriftsteller

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🙏 God bless Ukraine and Israel 🙏
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