Samstag, 3. Januar 2026

Geschichten zwischen den Jahren "Der Gipfel der Leere"

William besaß nicht nur Dinge, er besaß die Zeit anderer Menschen. Er residierte in Glaspalästen über den Wolken von New York, in stuckverzierten Villen am Comer See und in rustikalen Anwesen in den schottischen Highlands. Seine drei Ehen waren wie seine Immobilien, prachtvoll in der Fassade, aber nach einigen Jahren zugig und leer.


Mit 78 Jahren saß er in seiner Bibliothek in New York. Der Wein in seinem Glas kostete mehr als das Monatseinkommen seiner Angestellten, aber er schmeckte nach nichts. William war am Ende der Konsummöglichkeiten angekommen. Es gab kein Auto mehr, das ihn beschleunigte, und keine Frau mehr, die sein Herzschlag beschleunigen konnte. Er litt an der schlimmsten Krankheit des Privilegs, unter der ein Mensch leiden konnte: der existenziellen Langeweile.

Um der Bedeutungslosigkeit zu entfliehen, suchte er die ultimative Trophäe. Er wollte nicht mehr nur Geld und Immobilien besitzen, er wollte die Geschichte lenken. Er kandidierte für das höchste Amt des Staates. Sein Wahlkampf war ein Spektakel aus Gold und Versprechen. Das Volk, müde von grauen Politikern, wählte den Mann, der so aussah wie das Glück, das sie selbst nie erreichen würden. William gewann.

Die ersten Monate als Herrscher waren ein Rausch. Er genoss die Eskorten, die salutierenden Soldaten und die Tatsache, dass die Welt den Atem anhielt, wenn er sprach. Er genoss die Momente, in denen seine Untertanen ihm zujubelten, und er fühlte sich großartig, den Rest der Welt von seinen Entscheidungen abhängig zu sehen. Doch mit der Zeit sickerte eine bittere Erkenntnis in sein Bewusstsein.
Als vermögender Mann konnte er jedes Problem mit einem Scheck lösen. Als Herrscher stellte er fest, dass Macht eine Illusion ist. Er war nun kein Besitzer mehr, sondern ein Gefangener. Jede Minute seines Tages war getaktet. Er war umgeben von Beratern, die ihm nach dem Mund redeten, und von Feinden, die auf seinen ersten Fehler warteten. Er grübelte viel und schlief immer schlechter. Oft wachte er nachts auf. Dann wanderte er manchmal stundenlang durch die stillen Räume, in denen er sich immer einsamer fühlte.

Eines Nachts stand er auf und ging hinaus auf den Balkon seines Amtssitzes. Er blickte auf die Lichter der Stadt hinunter. Früher hätte er gesagt: „Das gehört mir.“ Heute wusste er: „Ich gehöre ihnen.“ Ihm wurde klar, dass er sein ganzes Leben lang mehr gesammelt hatte, um das Nichts in seinem Inneren zu füllen. Doch die Herrschaft über das Land war nur ein weiterer goldener Raum in einem Haus, aus dem er nicht fliehen konnte. In der Zeit seiner Herrschaft hatte er sich nur Feinde gemacht. Der einzige Mensch, von dem er glaubte, er sei sein Freund, weil sie gemeinsame Geschäfte geplant hatten, erwies sich als kaltblütiger Lügner und Betrüger.

Manchmal stand er abends am Fenster und sah den alten Mann im Park gegenüber, der eine Taube fütterte. Für einen kurzen Augenblick beneidete er diesen alten Mann, der nichts besaß, als diesen Moment und damit zufrieden zu sein schien. 

William wurde bewusst, dass er zwar den höchsten Gipfel bestiegen hatte, aber nur um festzustellen, dass ihm dort oben die Luft zum Atmen fehlte. Umringt von Angestellten, fühlte er sich plötzlich einsam wie nie zuvor. Seine letzte Frau hatte sich schon vor Jahren von ihm getrennt und lebte ihr eigenes Leben, so wie die Kinder,  die in der Welt verstreut lebten. Müde und erschöpft beschloss er, nicht wieder zu kandidieren und trotz seines hohen Alters einen neuen Anfang zu wagen.


Und so verbrachte er seine letzten Jahre alleine in einem kleinen Haus an der Westküste, ohne Personal, ohne Titel, ohne Verpflichtungen und ohne den gewohnten Luxus. Dort lernte er zum ersten Mal, wie man einen Kaffee selbst kocht. Ein TV-Gerät besaß er nicht und eine Zeitung hat er nie wieder gelesen.

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Die wahre Ernte meines täglichen Lebens ist etwas so
Unfassbares, Unbeschreibliches wie Himmelsfarben
am Morgen und Abend.
Ein wenig Sternenstaub, ein Stückchen Regenbogen
– das ist alles.
 
Henry David Thoreau (* 1817 † 1862)
war ein amerikanischer Schriftsteller, Lehrer und Philosoph

~*~
Gute Träume für die letzten mystischen Raunächte!
Träume in diesen Nächten sollen prophetisch sein.

~*~
 
🙏God bless Ukraine and Israel 🙏
~🌟🌟~🙏~🌟🌟~
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🌟Bild mit KI erstellt by Lauras Home and Garden🌟

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