Montag, 9. September 2019

Ist Altern großartig ?

 Ja, das ist es, behauptet eine ehemalige Freundin aus längst vergangenen
Tagen unserer gemeinsamen Kindheit und Jugendzeit. Gute sechzig Jahre
ist das nun her. Als sie zum Studieren auf die Uni nach Grenoble ging und es
mich nach Berlin verschlug, haben wir uns aus den Augen verloren. Anders
als ich, hat sie also studiert und promoviert und ist bis heute immer noch als
Literaturwissenschaftlerin tätig. Sie hält Vorträge, schreibt Bücher und ist
nebenher auch noch ehrenamtlich tätig. Sie war - wie ich - zweimal ver-
heiratet und lebt anders als ich, nach achtundzwanzig Jahren zu Zweit, nun
seit vielen Jahren wieder "glücklich" alleine.
Sie genießt es alleine zu leben, wie sie sagt, sie schätzt ihre Freiheit und
Unabhängigkeit. Sie ist in meinem Alter - also Ü70 und hat nun ein Buch
über das Alter(n) geschrieben. Ich habe das Buch nicht gelesen, kann ihr
aber aus meiner eigenen, persönlichen Perspektive durchaus zustimmen,
wenn sie meint, dass das Alter(n) großartig ist.

Dennoch bin ich der Meinung, dass man eine solche Ansicht nicht verallge-
meinern kann, da, um das Altern großartig zu finden, doch einige Voraus-
setzungen erfüllt sein müssen.


Wie viele Rentner kommen mit ihrer kleinen Rente nicht über die Runden.
Sie müssen Flaschen einsammeln oder bei Wind und Wetter in aller Herrgotts-
frühe aufstehen und Zeitungen austragen, um ein paar zusätzliche Euro zu
verdienen. Wie viele Rentner sind auf die Tafeln angewiesen. Wie viele Rentner
haben gesundheitliche Probleme und oft nicht genug Geld zur Verfügung, um
sich notwendige Medikamente leisten zu können. Wie viele von ihnen leiden
unter der Einsamkeit oder sind auf fremde Hilfe angewiesen.

Natürlich gibt es auch Rentner, denen es großartig geht. Alte Menschen, die
gesund und geistig fit sind, die reisen können, die über genügend finanzielle
Mittel verfügen, die ihr Rentner-Dasein im eigenen Haus mit Garten genießen
und sich den einen oder anderen Wunsch erfüllen können - keine Frage. Aber
ob alle alten Menschen das Alter großartig finden, wage ich zu bezweifeln.
Selbstverständlich ist es auch eine Frage der Einstellung. Jammern und Klagen
hilft in den seltensten Fällen - es nützt ja auch nichts. Dennoch bin ich davon
überzeugt, dass viele alte Menschen heutzutage unter Einsamkeit leiden.
Selbst viele jüngere Menschen fühlen sich heutzutage einsam. Sie können
jedoch noch raus unter andere Menschen, können etwas unternehmen. Alte
Menschen sind dagegen aus gesundheitlichen Gründen oder aus Geldmangel
oft nicht mehr dazu in Lage.

Besonders schlimm wird es für alte, kranke und einsame Menschen, wenn
sie auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Das Altwerden hat - wie
alles im Leben - Licht- und Schattenseiten. So lange man gesund bleibt, keine
finanziellen Probleme oder andere Sorgen hat, nicht unter Einsamkeit leidet,
geistig noch auf der Höhe ist und sein Leben bis ins hohe Alter genießen kann,
dann kann das Alter tatsächlich ganz wunderbar und großartig sein.

Aber mit knapp Ü70 ist man ja auch noch nicht so richtig alt, das sieht mit Ü80
und Ü90 oder gar Ü100 wesentlich anders aus. Meine ehemalige Kindheit-und
Jugendfreundin hat also gut reden, denn ihr geht es im Gegensatz zu vielen
anderen älteren Menschen überdurchschnittlich gut.

Jeder ältere Mensch kann viel für sein Wohlbefinden tun, sich gesund ernähren,
viel trinken, immer beweglich bleiben und sich geistig fit halten. Langes Sitzen
schadet dem Rücken und verursacht Rückenschmerzen. Er oder sie sollte auch
im Alter am Geschehen im Land und in der Welt Anteil nehmen. Das hält jung,
genau wie das Bücher lesen und über Gott und die Welt zu philosophieren. Auch
sollte jeder ältere Mensch nicht alles glauben, was ihm erzählt wird. Er/ sie
sollte skeptisch bleiben und alles hinterfragen, denn nichts ist wie es scheint.
Schon gar nicht sollte man alles als gegeben hinnehmen und sich vom
Mainstream manipulieren lassen, sondern sich eine eigene Meinung bilden. Das
setzt intensives Denken voraus, für das man sich viel Zeit nehmen sollte.
Genauso wichtig ist, sich Ruhephasen zu gönnen, abzuschalten, eine Zeitlang
mal ganz still sitzen, nichts tun - nicht denken, sondern nur die Stille auf sich
wirken lassen. Gleichmäßig tief ein- und ausatmen. Inne halten - in sich gehen.
Geborgenheit in sich selbst finden.
Das tut unglaublich gut.
All das kann helfen, das Altern als großartig zu empfinden. Voraussetzung ist
jedoch, dass man gesund ist und bis ins hohe Alter gesund und geistig fit bleibt.
Für viele Rentner, die in Armut leben und krank sind, bleibt das wahrscheinlich
ein unerfüllbarer Wunschtraum, denn finanzielle Sorgen, Krankheit und
Einsamkeit haben einen sehr negativen Einfluss auf die Psyche.
Dann ist das Alter(n) alles andere als großartig.


Das ist mein persönlicher Fitness-Trainer mit dem ich jeden Tag bei Wind und
Wetter, ausgenommen es regnet, stürmt, schneit oder friert, eine halbe Stunde
auf der Stelle radele. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen
strampele ich mich auch gerne mal eine Stunde auf der Stelle ab;o).

Und abends:


 genieße ich als Belohnung regelmäßig ein Gläschen Rotwein :o)).

~*~

Meine damalige Schulfreundin habe ich übrigens vor ein paar Jahren durch
einen unglaublichen Zufall wieder getroffen. Natürlich hatten wir uns sehr viel
zu erzählen. Wir haben uns stundenlang über unsere beiden Leben, die so
unterschiedlich verlaufen sind, ausgetauscht. So richtig zusammen gefunden
haben wir allerdings nicht mehr - unsere Leben und unsere Einstellungen
waren wohl doch zu unterschiedlich.
Schade eigentlich, but that's life !

Der Himmel gestern am Sonntagabend - ein Farbspektakel - wunderschön !

*

Im Herbst des Lebens erntet man die Früchte,
die man im Laufe seines Lebens gesät hat.

~*~

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Foto oben: Pixabay
 

Kommentare:

  1. Altern ist großartig? Allein der Titel reizt mich schon zu heftigem Widerspruch und einem entschiedenen "NEIN".

    Sicher gibt es die, die gesund und mit entsprechendem Kleingeld versehen, ihr Leben bis ins hohe Alter genießen können. Solche, die in eine intakte soziale Struktur integriert sind, die mit einer gesunden geistigen Lebenseinstellung und gesunder Lebensführung Alterwehwehchen in ihren Alltag begegnen. Die in der Lage sind, sich zu informieren und sich Dienste leisten können, die ihnen das Leben erleichtern . Unter den weniger betuchten oder denen, die an der Armutsgrenze leben gibt es sicher auch Individuen, die zufrieden sind mit dem was ist. Die aber in den Tenor "Altern sei großartig", gar nicht einstimmen würden sondern ihre Situation als gottgegeben ansehen und den Ausspruch tätigen "man muss zufrieden sein". An diese Leute richtet sich das Buch sicher nicht. Auch nicht an die Kranken, die im Pflegeheim leben und hinnehmen müssen, wie mit ihnen umgegangen wird. Die ihre Selbstständigkeit eingebüßt haben, die dement sind, einsam und depressiv vor sich hin vegetieren.

    Ich selbst (als fast 70 jährige) würde es auch nicht lesen. Klingt so nach Rentner-Yuppie, der den Urlaub auf Sylt verbringt, Kreuzfahrten macht und vielerlei esotherische Aktivitäten praktiziert um die Falten im Gesicht achtsam weg zu atmen. Das war jetzt zynisch ... Viele unserer Weggefährten über die Jahre haben die 70 nicht mal erreicht, das macht skeptisch was das Altwerden angeht.

    Oft treffe ich beim Arzt auf ältere Herrschaften, meist bereits an die 90, die im Gespräch deutlich machen, dass es nicht unbedingt angenehm ist, dieses Alter zu erreichen. Eine durchaus rüstige und klare alte Dame über 90, die unruhig auf dem Stuhl hin und her rutscht und hofft, dass sie schnell drankommt, weil sie nicht weiß, was ihr dementer Ehemann daheim alles anstellt. Die freimütig sagt alles sei nicht einfach und sie wünschte oft, es gehe schnell zu Ende. Ein 90 jähriger Herr, der ebenfalls offen sagt, dass das Altern und die damit einhergehenden Einschränkungen nicht angenehm sind.

    So, nachdem ich mir das von der Seele geschrieben habe, habe ich nach dem Buch gesucht und einen Vortrag auf You Tube gefunden. Die Dame ist recht amüsant. Und sie redet nicht von den "ganz alten" sondern von "Silveragern", die befreit von familiärer und jobtechnischer Last ihren Elan in Reisen, Ehrenamt und Linedance investieren können. Sorry für diese etwas grobe Zusammenfassung. Recht hat sie mit dem Hinweis auf körperliche Ertüchtigung, die Pflege der geistigen Regsamkeit und Freundschaften. In puncto Liebe zu einem Menschen (wie auch immer das der einzelne interpretiert) wage ich zu widersprechen.

    Mein Mann hat in seinem Berufleben mit Senioren zu tun gehabt - insbesondere mit solchen, die im Heim leben. Insofern ist durch seine Schilderungen und durch eigene Erfahrungen mit Familienangehörigen meine Sicht auf die Dinge auf eine sehr ernüchternde Weise geprägt.

    LG Christiane

    die pflichtgemäß ihre Runden zu Fuß dreht, Yogastretches gegen ihre (nicht altersbedingte) Steifheit durchführt, keinen Rotwein verträgt aber gerade einen grünen Assam-Tee bestellt hat, meditiert, sich nichts merken kann aber doch noch recht fröhlich durchs Leben geht ;-)


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    1. Wow, liebe Christiane, du hast es ganz wunderbar formuliert und meine Ansicht zu diesem Thema besser dargestellt und auf den Punkt gebracht, als ich es jemals könnte. Danke für Deine (und meine) Meinung.
      Mein erster Gedanke, als ich den Buchtitel las, war, das die Ansicht der Autorin völlig an der Realität vorbei geht. Da fragt man sich tatsächlich welche Zielgruppe, dieses Buch erreichen soll. Auch ihrer Ansicht über die Liebe bei YouTube, kann man nicht zustimmen - wobei ich denke, dass genau das ihr Problem ist. Liebe scheint ihr in ihrem Leben noch nicht begegnet zu sein, noch scheint sie selbst Liebe empfinden zu können, denn sonst würde sie so etwas nicht sagen. Als ich ihre Vita las hatte ich den Eindruck, dass sie auf der Suche ist, und dass alles, was sie anstrebt und womit sie sich beschäftigt, eine Art Kompensation für mangelnde Liebe ist.

      Dein letzter Absatz macht auf mich dagegen den Eindruck, dass es dir bis auf die nicht altersbedingte Steifheit (was mir echt leid tut für dich) tatsächlich
      "großartig" geht ;o). Hoffentlich bleibt das so bis ins hohe Alter. Das wünsche ich dir jedenfalls von Herzen.
      Gehen wir also weiterhin fröhlich durchs Leben und seien wir dankbar, dass uns das (noch) möglich ist und wir dieses Glück in aller Bescheidenheit genießen können.

      In diesem Sinne, liebe Grüße mit den besten Wünschen für einen vergnügten Tag von
      Laura, die zwar gerade das Frühstück bestellt hat, aber der Butler scheint heute seinen freien Tag zu haben ;o).
      Mach's gut, liebe Christiana und bleibt weiter so heiter und fröhlich und verliere nie deinen wunderbaren Sinn für Humor !!!

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Danke für Deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass Du Dir die Zeit für ein paar nette Worte nimmst.

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