In den Tiefen des Uraltwaldes, dort, wo das Moos so dick wie Kissen wuchs und das Licht der Sterne nur in winzigen Nadelstichen den Boden berührte, lebte Gaelumy. Sie war keine gewöhnliche Eule. Ihre weißen Federn stachen im Dunkel des Waldes hervor, und ihre Augen waren hellwach. Man sagte, Gaelumy könne den Wind hören, noch bevor er wehte, und den Regen spüren, bevor die Wolken überhaupt geformt waren. Eines Nachts suchte ein junger Fuchs die Eule auf, getrieben von der Unruhe, die durch den Wald zog.
„Weise Gaelumy“, flüsterte der Fuchs. „Die Welt verändert sich. Die Schatten der Zweibeiner werden länger, und die Stille des Waldes wird dünner. Sag mir, wie sieht die Zukunft aus? Geht alles zu Ende?“
Gaelumy rührte sich lange nicht. Dann entfaltete sie langsam ihre gewaltigen Schwingen, und es klang wie das Blättern in einem sehr alten Buch. Dann schloss sie die Augen und begann mit einer Stimme zu sprechen, die wie mahlender Stein klang:
„Ich sehe eine Zeit, in der die Menschen versuchen werden, den Geist des Lebens in kalte Steine und glänzendes Metall zu bannen. Sie werden Netze weben, nicht aus Seide wie die Spinne, sondern aus unsichtbarem Licht. Sie werden alles wissen, aber nichts mehr fühlen. In dieser Zukunft wird die Welt laut, aber die Herzen werden einsam sein.“
Gaelumy fuhr fort: „Die Erde wird tief einatmen müssen, um den Staub abzuschütteln. Ich sehe Stürme, die wie hungrige Wölfe heulen, und Wasser, das sich nimmt, was ihm einst gehörte. Es ist kein Ende, kleiner Fuchs, sondern eine Korrektur. Die Natur verhandelt nicht; sie stellt das Gleichgewicht wieder her, so wie der Winter dem Sommer folgt.“
Nach einer kurzen Pause fuhr Gaelumy fort: „Hinter dem Lärm und dem Sturm sehe ich jedoch ein grünes Leuchten. Die Menschen werden erkennen, dass sie keine Herrscher über den Wald sind, sondern seine kleinsten Kinder. Ich sehe Städte, die wie Gärten blühen, und eine Menschheit, die lernt, die Sprache der Bäume wieder zu verstehen. Die Zukunft ist nicht aus Stahl, sie ist aus Erde.“
Gaelumy öffnete ihre Augen und fixierte den Fuchs: „Die Zukunft ist kein festgeschriebener Pfad im Schnee“, sagte sie leise. „Sie ist wie der Flug einer Eule: Jede kleinste Bewegung der Feder verändert die Richtung. Die Welt geht nicht unter, sie häutet sich nur. Was alt und starr ist, wird brechen. Was biegsam ist und liebt, wird bestehen.“
Der Fuchs verneigte sich und verschwand lautlos im Unterholz. Gaelumy aber blickte hinauf zum Mond. Sie wusste, dass die Zukunft bereits begonnen hatte – in jedem Samen, der unter dem Eis keimte, und in jedem Wesen, das sich entschied, das Leben zu achten.
~*~
Die Eule ist der weiseste aller Vögel,
denn je mehr sie sieht,
desto weniger spricht sie
und je weniger sie spricht,
desto mehr sie hört.
~*~
Ein Haiku








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