Mark Thorne besaß nicht nur Immobilien; er besaß das Licht über ihnen. In der Toskana gehörte ihm der Hügel, auf den die Sonne als Erstes fiel. In Tokio bewohnte er ein Penthouse, das so hoch lag, dass die Wolken wie Haustiere an seinen Fenstern vorbeizogen. Sein Reichtum war kein bloßer Kontostand – es war eine Schwerkraft, die Menschen und Märkte in seine Umlaufbahn zwang.
Doch für Mark war die Welt eine unvollständige Gleichung. Es gab einen Namen, der wie ein Splitter in seinem Geist saß: Julian Vane. Vane stand in jeder Liste, jedem Magazin und jedem Wirtschaftsbericht stand eine Zeile über ihn. Er war der »reichste Mensch der Welt«. Für Mark war diese eine Zeile kein Abstand, sondern ein Abgrund.
Mark begann, sein Leben in eine einzige, scharfe Waffe zu verwandeln. Er verkaufte Firmen, die er liebte, nur um Konkurrenten zu zerschlagen, die ihm im Weg standen. Er schlief in Privatjets, während er über Kontinente raste, und seine Enkelkinder wurden zu bloßen Gesichtern auf gerahmten Fotos, die er kaum noch ansah.
Sein Hunger war mathematisch. Er berechnete sein Glück in Dezimalstellen. Er kaufte Minen in Afrika, Tech-Giganten im Silicon Valley, Ölfelder im Nahen Osten und ganze Straßenzüge in London und New York. Jedes Mal, wenn sein Vermögen um eine Milliarde stieg, fühlte er einen kurzen Rausch – wie ein Taucher, der kurz nach Luft schnappt, bevor er wieder in die dunkle Tiefe hinabtaucht.
An einem regnerischen Dienstag im November geschah es. Die Märkte schlossen mit einem historischen Beben. Vanes Imperium war durch eine Fehlkalkulation ins Wanken geraten, während Thornes Anteile in den Himmel schossen.
Sein Sekretär trat zitternd in das riesige, marmorne Büro in New York. „Sir“, flüsterte er. „Es ist offiziell. Die Forbes-Echtzeit-Liste... Sie stehen an der Spitze. Mit einem Vorsprung von drei Milliarden.“
Mark Thorne saß völlig regungslos da. Er wartete auf den Paukenschlag. Er wartete darauf, dass sich der Himmel öffnete oder sein Herz in einer neuen Frequenz schlug. Doch das Einzige, was er hörte, war das leise Summen der Klimaanlage.
Mark verließ das Büro und ließ sich zu seinem Anwesen an der Küste fahren. Er ging in seinen Garten, der von den besten Landschaftsarchitekten der Welt entworfen worden war. Er blickte auf das Meer und stellte fest, dass die Wellen für den reichsten Mann der Welt genauso klangen wie für den ärmsten Fischer.
Er nahm sein Telefon und wollte jemanden anrufen. Er scrollte durch seine Kontakte: Seine Ex-Frau? Sie würde nur über Anwälte sprechen. Seine Kinder? Sie schickten ihm Dankeskarten für die monatlichen Überweisungen, aber sie kannten seine Stimme kaum noch. Seine Freunde? Er hatte sie alle auf dem Weg nach oben entweder gekauft, verkauft oder überholt. Er war nun der Mensch mit dem meisten Besitz auf diesem Planeten, doch er besaß nichts, was man nicht zählen konnte.
In jener Nacht begriff Mark die bittere Ironie seines Erfolgs: Reichtum ist eine Zahl, und Zahlen enden nie. Wenn man versucht, durch eine Zahl »ganz« zu werden, wird man immer nur ein Bruchstück bleiben.
Er ging zu seinem Tresor und holte ein altes, vergilbtes Foto heraus. Es zeigte ihn als jungen Mann in einer kleinen Küche, lachend, mit Mehl an den Händen und einer Frau im Arm, die er längst verloren hatte. Damals besaß er nichts – und doch hatte er das Gefühl gehabt, die Welt gehöre ihm.
Mark Thorne, der reichste Mann der Welt, saß in seiner goldenen Villa, umgeben von Schätzen aus drei Jahrtausenden, und spürte zum ersten Mal die wahre Bedeutung von Armut:
Er hatte alles gekauft, was einen Preis hatte, und dabei alles verloren, was einen Wert besaß.
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Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach, wir Armen!
Aus Faust
von Johann Wolfgang von Goethe (* 1749 i; † 1832)
war ein deutscher Dichter, Politiker und Naturforscher
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